
Mission 03
Urlaub auf Klendathu III
Von Andreas Winterer
"Vorwärts!", donnerte Bradley, als das letzte der gepanzerten Monster wieder in der Höhle verschwand.
"Sir! Es könnte eine Falle sein ...", gab Osterwelle zu bedenken.
"Kommen Sie mir nicht mit Bedenken, Osterwelle, sondern setzen Sie Ihre Dauerwelle in Bewegung!"
Osterwelle rührte sich nicht. Auch der Rest des dritten Zuges zögerte. Was kein Wunder war, denn sie standen knietief in den Leichenteilen der Kameraden der beiden ersten Züge, deren Verdienst es war, die Bugs in die Höhle zurückgetrieben zu haben. Dafür hatte ihnen der Zentralcomputer bereits eine goldene Medaillendatei eingerichtet.
Der Zug schwieg, keiner rührte sich. Ehrlich gesagt: Sie hatten kalte Füße. Und das, obwohl das Blut, das in ihre Stiefel floss, noch warm war.
"Wird's bald?", rumpelte Bradley.
Osterwelle wendete der Höhle den Rücken zu und schüttelte den Kopf.
"Ich denke nicht daran."
"Wenn Sie meinen, Sie Zivilist."
Bradley hob sein Sturmgewehr, lud durch, zielte und drückte ab. Osterwelles Gehirn spritzte in die Höhle und befolgte auf diese Weise doch noch den verweigerten Befehl. Die Patronenhülse schepperte auf einen herumliegenden halben Helm und rollte hinunter in das Nasenloch eines halben Gesichts.
Zu den anderen Soldaten gewandt befahl Bradley:
"Seht, wozu ihr mich gezwungen habt! Wir sind doch hier nicht im Feriencontainer! Und nun vorwärts!"
Doch als Bradley noch einen Blick zu Boden warf, dachte er bei sich, was für eine Verschwendung das alles war. Wenn sie wenigstens ein paar Leute gehabt hätten, um die Stiefel einzusammeln...
*****
Nach kurzer Zeit verengte sich die Höhle zu einem schmalen Schlauch. Sie marschierten im Gänsemarsch, an der Spitze ging Bradley. Der Zigarrenstummel in seinem Mundwinkel war kaum kälter als sein Gemüt. Alle zwei Minuten feuerte er eine Signalrakete in die Dunkelheit vor sich. Doch die Monster wollten sich einfach nicht zeigen.
Zehn Meter hinter ihm, in der Mitte des Zuges, unterhielten sich Kanther und Lafontaine.
"Verdammt!" Lafontaine wischte sich den Schweiß von der Stirn. "Warum kämpfen wir eigentlich mit diesen blöden Viechern?"
"Was weiß denn ich? Bin ich vom galaktischen Geheimdienst? Jesus? Ich habe blind gebucht. Last Minute." Kanther zog zwei Druckinjektionen aus der Brusttasche. "Auch eine?"
"Nein, das Zeug macht mich nur aggressiv. Angeblich soll es ja auch..."
"Was du nicht sagst." unterbrach ihn Kanther und presste sich die Spitze auf den Oberschenkel. Das Therekain strömte in sein Blut. Er stöhnte kurz und beruhigte sich wieder.
"Wir killen die Viecher, damit sie uns nicht killen. Das ist doch sonnenklar."
Lafontaine putzte sich die Nase. "Naja, schon, aber ich habe halt so Gerüchte gehört. dass eigentlich wir die Eindringlinge sind, und dieser Krieg längst überflüssig..."
Kanther war geistig schon weggetreten. Seine Achseln rochen nach Schweiß, aus dem Mundwinkel trat Schleim. "Ich glaube, Du bist im falschen Film.", grunzte er und packte den Griff seines Sturmgewehrs so fest, dass seine Knöchel weiß heraustraten.
Lafontaine klapperte mit den Zähnen.
*****
"Oh Gott!"
Das Innere der Höhle wäre fast so langweilig gewesen wie die vom Tourismus (oder war es Terrorismus?) zerstörte Landschaft draußen.
"Raaaah!"
Langweilig, ja, so wäre die Höhle gewesen, hätte es dort nicht eine Hundertschaft Außerirdischer gegeben.
"Himmel hilf!"
Eine Hundertschaft Außerirdischer, die sich plötzlich mit offenen Mäulern voller 70-Zentimeter-Reißzähne auf die Eindringlinge stürzten.
"Deckung!"
Und die Viecher hatten tatsächlich gewartet, bis der ganze dritte Zug in der Höhle war, ehe sie den Ausgang mit den Brustkörben und Oberschenkelknochen der hinteren zehn Mann verschlossen.
"Feuer! Schießt, was ihr könnt!"
Takataka. Knatter, knatter. Takatakataka.
Leber-, Nieren- und Milzfetzen regneten auf Bradleys Helm, doch das störte ihn nicht, denn er trug eine Splatterschutzbrille. Im aufbrandenden Feuer der Sturmgewehre, dem Gekreisch der Riesenkäfer und dem Geschrei sterbender Menschen konnte er nicht einmal mehr das rhythmische Rattern seines eigenen Gewehres hören, nur der Rückstoß tippte ihm 120 Mal pro Minute beruhigend gegen die Schulter, was ihn schläfrig machte.
Takatakataka. Knatter, knatter, knatter.
Tak.
Bradley schreckte erst wieder hoch, als Lafontaine, der vor ihm stand, die Munition ausging. Der Schritt von Lafontaines Hose wurde dunkel. Eines der Monster klappte einen Unterarm wie ein Drei-Meter-Skalpell aus und schlug zu. Die Klaue durchschlug Lafontaine wie eine Machete einen frischen Augapfel.
Takatakataka. Knatter, knatter, knatter.
Tak.
Das war wohl Kanther, dem da gerade die Munition ausging. Doch Bradley sah nicht hin, statt dessen beobachtete er fasziniert, wie Lafontaine in der Mitte auseinander klappte und seine Innereien weich zwischen die Schuhe platschten. Aha: Offenbar hatte Lafontaine einen Herzschrittmacher getragen. Doch der war jetzt wohl hin. So viel zu Cybersoldaten.
Die Sekunde der Faszination war vorbei, als Bradley etwas Schweres am Kopf traf. Er griff danach und hatte etwas Weißhaariges in der Hand.
Kanther!
Zumindest ein Teil von ihm. Bradley gab das halbe Lächeln zurück, warf das Schädelfragment glückbringend über die linke Schulter und ballerte wieder los.
Takataka. Knatter, knatter. Takatakataka.
Der Prospekt hatte wirklich nicht zu viel versprochen: Ein Urlaub auf Klendathu war immer die richtige Wahl.
Tak.
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