Scott Bradley | Politisch unkorrekte Weltraum-Abenteuer | Science-Fiction-Satire

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Mission 05

Das Orakel von Enig M-A XXIII

Von Andreas Winterer

Niemand hatte behauptet, dass es leicht werden würde, und deswegen jammerte auch keiner. Und selbst wenn einer gejammert hätte, so wäre es doch niemandem aufgefallen, denn der Sturm riss ihnen jedes Wort aus dem Mund, peitschte in immer neuen Böen auf die Männer und die Frau ein, die sich an die Felswände des gewaltigen Massivs pressten und um ihr Überleben kämpften.

Der brüllende Orkan zerrte seit Stunden an ihnen. Verzweifelt klammerten sie sich in die Ritzen und Fugen des kalten Felsens, beteten, dass die Karabinerhaken halten würden und kämpften sich Millimeter um Millimeter vorwärts. Obwohl jeder von ihnen mit Ausrüstung an die 400 Pfund wog, beutelte sie der für den Planeten Enig M-A XXIII so typische Ionenblizzard hin und her, als wären sie nur die Teile eines Windspiels aus chinesischem Papier.

Der extraterrestrische Taifun trieb Scott Bradley kleine spitze Eiskristalle ins Gesicht. Mit tränenden Augen sah er durch die Schlitze seiner Lider, wie Yeager ihm etwas zuschrie, doch das ohrenbetäubende Heulen des Sturms übertönte alles und dröhnte durch seinen Schädel.

Schweigend deutete Bradley auf seine Ohren, schüttelte den Kopf und deutete auf den bereits sichtbaren Rand des Plateaus.

"Durchhalten!", schrie er dann doch, allerdings ohne große Hoffnung, dass Yeager ihn verstehen würde. Doch Yeager nickte grimmig und krallte seine Finger weiter in den rauen Felsen.

Bradley kramte einen weiteren Explosiv-Karabiner aus der Brusttasche und warf dabei einen Blick nach unten: Da waren Tex Murdock, Robert 'Bob' Rayman, Tresko van der Graaf und Skip Walker, zusammen mit Chuck Yeager angeblich die besten, die es gab. Hatte zumindest der Mann von der Söldnervermittlung versichert, doch Scott Bradley hatte hierzu im Laufe des Aufstiegs eine eigene Meinung entwickelt. Auch die Anwesenheit dieser Widerstandsmemme Thelonius trieb tiefe Furchen in seine Stirn. Von dieser widerspenstigen rothaarigen Wissenschaftlerin ganz zu schweigen.

Dann sah er hinter sich nach oben. Pierre, der Telekinet, schwebte wie ein Luftballon in der Luft, nur durch ein Stück Trylon-Wäscheleine mit Scotts Rucksack verbunden. Da seine telekinetische Kraft gerade für ihn selbst reichte, trug der Legrandnationarier als einziger kein Gepäck. Bradley hatte das zähneknirschend in Kauf genommen, in der Hoffnung, er würde sich später noch als nützlich erweisen.

"Nün? Gäd es nöch?", rief Pierre, der seine Sonnenbrille längst verloren und seine blinden Augen geschlossen hatte.

"Soll ich die Wäscheleine kappen, Du schmieriger Froschfresser?", brüllte Bradley zurück.

"Mais non, isch meinte es nicht ironique... aber isch 'örte eine Aura von der Macht."

Bradley fasste sich an die Eier.

"Stimmt." murmelte er. "Hab schon länger kein Rohr mehr verlegt."

Dann klammerte er sich wieder am Felsen fest.

Ein Cliffhanger.

*****

Als sie die Hochebene erreichten, brannte plötzlich eine entsetzliche Stille in ihren Ohren. Kein Wind, nicht einmal der Hauch eines Lüftchens, deutete auch nur ansatzweise die ersten Anzeichen einer potentiellen Brise an. Es war ein unheimlicher Ort, doch die erschöpften Männer achteten nicht darauf, ließen sich zu Boden fallen und griffen nach ihren Wasserflaschen.

Bradley gönnte ihnen die Pause. Er kramte den Flachmann aus seiner Oberschenkeltasche und wandte sich an die am Boden liegende Wissenschaftlerin. Sie starrte wie betäubt auf die Laufmaschen ihrer Wolford-Strumpfhose, als wäre diese mit Hypnotiseuren gemustert.

"Miss Lingus?"

Sie zuckte hoch und fuhr sich durchs rote Haar.

"Ah, Bradley." Dann zeigte sie mit einem Daumen gegen ihre ansehnliche Brust. Ihr T-Shirt trug dort die Aufschrift 'Zicke'. "Sie können mich ruhig 'Connie' nennen. Bei den Männern sparen Sie sich ja auch die Anrede."

"Soso." Bradley nahm einen Schluck, japste kurz, sog zischend Luft durch die Zähne, schraubte die Flasche wieder zu und verstaute sie. "Na gut, also: Connie."

"Yep. Was gibt's?"

"Sie sind sicher, dass es hier ist?"

"Völlig sicher."

Sie ließ von ihren Nylons ab, griff in ihren Rucksack und entrollte einen Stofflappen von der Größe eines Gästehandtuchs. Auf dem ausgefransten Material war vor Äonen eine verschwommene Landkarte aufgemalt und mit zahlreichen unleserlichen Symbolen beschriftet worden.

"Seltsame Karte." bemerkte Bradley.

"Ist ja auch eine seltsame Gegend, Genosse Bradley. Denn wenn dieser uralte, lange Zeit verschollene Plan stimmt, dann befinden wir uns jetzt auf der legendären Hochebene von Leng."

"Soso, auf der Hochebene von Leng also."

"Ja. Da staunt Ihre linke Hirnhälfte, was, Bradley?"

Bevor er antworten konnte, deutete sie mit ihrem Lippenstift auf einen Punkt der Karte und dann auf das entgegengesetzte Ende des Plateaus, wo ein Bauwerk von enormen Ausmaßen im Nebel verschwand.

"Dort wird es sein. Das Plateau des Orakels!"

Thelonius, Chefideologe seiner eigenen, unbedeutenden Widerstandsbewegung, trat zu ihnen. Er war blass.

"Also, ich weiß nicht. Brauchen wir das wirklich?"

Energisch kickte Bradley einen Stein in Richtung Abgrund, dann fing er an, derart laut herumzubrüllen, dass sein Atem Thelonius Haare nach hinten wehte.

"Nun hör mal gut zu, Du halbes Hemd von einem Widerstands-Bubi! Quatsch mir lieber nicht rein, sonst bist Du ganz schnell wieder da unten! Ich versuche seit Wochen, die Baupläne für den Todesstern zu finden - für'n Arsch! Wenn die orakelnde Sphinx von Enig M-A XXIII uns in der Sache nicht weiterhelfen kann, dann wird diese debile Schnullerbacke von einem König Deine ehrlich gesagt noch reichlich grüne Terrororganisation zertreten wie frischen Eidotter! Dann hast Du völlig umsonst horrende Destructive-Consulting-Gebühren an mich gezahlt! Was mir persönlich ja eigentlich schnurz ist, aber keine gute Referenz abgibt! Kapiert?!?"

Thelonius war bei diesen Worten zurückgewichen und hatte in zunehmend devoter Haltung jeden Halbsatz abgenickt.

Kopfschüttelnd wandte Bradley sich ab.

"Widerstandskämpfer!"

*****

Wenig später setzten sie sich in Bewegung.

Die ungeheure Konstruktion schob sich direkt aus einem Felsvorsprung in die Höhe, so hoch und so breit, dass ihre Enden im Dunst nicht mehr zu erkennen waren. Das Mauerwerk selbst war glatt wie ein frisch geölter Baby-Po und bot nicht die geringste Möglichkeit, das Hindernis zu besteigen.

"Bleibt wohl nur dieser Höhleneingang."

"Ist aber sehr dunkel."

"Enorm dunkel."

"Quasi ein ungeheuer schwarzer Höhleneingang."

Bradley hatte Lust auf eine Zigarre, verkniff sich aber das Bedürfnis.

"Hat einer eine Lampe?"

Die Söldner kramten in ihren Rucksäcken. Zu Vorschein kamen Teppichmesser, Wurfsterne, 38er, 44er Magnum Automatics, Bewegungsmelder, Lasersperren, C4-Osterhasen mit digitalen Zeitzündern, abgesägte Schrotflinten, Pump-Guns, Uzis, Schnellfeuer- und Sturmgewehre, Blitz-, Spreng-, Streu- und Splittergranaten, Rauch- und Mini-Atombomben, Zigaretten, Kondome, Mobiltelefone mit integriertem PDA sowie diverse Eau-de-Toilette-Probefläschchen.

"Keine Taschenlampe?"

"Öh... sorry, nö."

Mit einem Knirschen rammte sich Bradley das weiche Gold seiner Teilkronen tiefer in die Zähne.

"Schöne Profis seid ihr! Ich werde den Beratern von der Zeitsöldnerstelle den Arsch klaftertief einreißen! Und jetzt rein in den Tunnel!"

*****

Es war stockfinster. Sie hatten längst die Orientierung verloren und sich im Labyrinth der Höhlen verlaufen. Und anders als Tom und Becky aus 'Tom Sawyer' hatten sie nicht mal Kerzenstümpfe.

"Was gluckert da so?"

"Ich finde vielmehr, es raschelt."

"Hört sich eher wie Knurpsen an."

"Maul halten, Memm... Männer!", donnerte Bradley. "Das ist doch kein Schulausflug! Pierre, kannst Du uns sagen, was da ist? Und wo es langgeht? Teledings doch mal ein bisschen rum, ja?"

Knurps, knurps. Es blieb dunkel. Das Knurpsen wurde zu einem wohligen Kauen.

"Pierre?"

Keine Antwort.

"Thelonius! Ist der Schneckenfresser bei Ihnen?"

Keine Antwort.

"Thelonius?"

Keine Antwort. Stille.

Scott hörte nur noch den verhaltenen Atem von Chuck, Tex und Connie.

Was verständlich war. Denn von Pierre, Thelonius, Robert 'Bob' Rayman, Skip Walker und Tresko van der Graaf würde keiner mehr was hören - es sei denn, sie verursachten Blähungen im Enddarm des 25 Meter langen Riesen-Aliens, das sich gerade mit seiner saugnapfbewehrten Interdental-Zunge die Fleischfetzen einer Handvoll unglücklicher Söldner aus den Lücken seiner Zahnreihen zuzelte.

Es folgte ein lautstarker und äußerst relaxter Rülpser, der durch die Finsternis der Grotte donnerte.

"Raus hier!", brüllte Bradley. "Sofort!"

Er wusste nicht, wen er eigentlich meinte, aber er meinte es ernst. Die Expeditionsreste rannten zum Ausgang der Höhle, stolperten über herumliegendes Geröll, schürften sich im Fallen die Knie auf, spürten, wie ihnen der Boden spitze Kiesel in die Handballen trieb, sprangen wieder auf, schlugen sich an tiefhängenden Stalaktiten die Stirnen blutig und rannten, rannten, rannten, während hinter ihnen das monotone klapp-klapp-klapp eines mehrreihigen Edelgebisses immer näher rückte.

Endlich sahen sie ein Licht am Ende des Tunnels ... doch es waren nur die leuchtenden Augen eines zweiten Monstrums, das sich ihnen hungrig entgegenwälzte.

"Rechts!", schrie Bradley, riss die Frau am Ellenbogen herum, zog sie hinter sich und rannte, was das Zeug hielt. Die anderen folgten ihnen, bis aus dem klapp-klapp-klapp ein klapp-klapp-schnapp wurde.

"Oh Gott! Das war Tex!", keuchte Yeager, bevor ihm klar wurde, dass er nun der letzte in der Gänsereihe war. Angst lähmte sein Denken, das in der Fremdenlegion trainierte Kleinhirn übernahm die Kontrolle. Automatenhaft rupfte er sich zwei Handvoll Fusionsgranaten vom Gürtel, entsicherte die Hälfte von ihnen im Viertelsekundentakt und ließ sie hinter sich zu Boden fallen.

Inzwischen witterte Bradley frische Luft.

"Ich kann den Ausgang riechen, Leute, gleich haben wir's!"

Da riss sie die erste Detonation von den Füßen. Die zweite schleuderte sie in die Luft. Verzweifelt klammerten sich Scott und Chuck an Connie fest. Bradley bemerkte anerkennend, dass die Wissenschaftlerin - anders als vermutet - keinen Push-up-BH trug. Die dritte Detonation katapultierte sie aus der Höhle auf einen geräumigen Felsvorsprung.

Eine weitere Explosion fegte sie zu Boden und begrub sie unter Sand. Dann zündete die zweite Hälfte von Chucks Granaten gleichzeitig. Ein monströser Schrei, und eine warme Blutwoge flutete aus der Höhle wie in der Aufzug-Einstellung aus Kubriks 'Shining', allerdings nicht in Zeitlupe. Krallen-, Tentakel- und Säbelzahnfetzen regneten auf sie herab.

Dann war Ruhe.

*****

Bradley stöhnte sich auf die Beine, wrang sich das Blut des Ungeheuers aus seinen buschigen Augenbrauen, probierte mit der Zunge und hmm-te angetan. Connie reinigte zuerst ihren Kosmetikspiegel, dann ihr Gesicht mit einer Anti-Aging-Reinigungsemulsion.

"Why?" Yeager sank auf die Knie und raufte sich die Haare. "Verdammt! Die armen Jungs!", jammerte er, setzte sich auf die Fersen und schluchzte.

"Ja, und Tex hatte ja bloß den Kommunikator für die Verbindung zum Orbiter. Aber mach Dir nicht ins Hemd, Soldat. Wir haben es sowieso so gut wie geschafft."

Bradley zeigte auf eine Hängebrücke aus glasigem Material. Sie führte zu einer schmalen Felsplattform mit einer kleinen Hütte. Rings um das Plateau gähnte der endlose Abgrund. Es gab nur diesen einen Weg.

"In der Hütte da, da ist das Orakel. Was sagt unsere Wissenschaftsmaus?"

Connie trat ihm so schnell in die Eier, dass Bradley ihr zufriedenes Grinsen sah, noch ehe er den Schmerz sieden spürte.

"Die Wissenschaftlerin gibt Ihnen recht, Genosse Bradley."

Ich werde alt, dachte sich der betreffende Genosse, hielt sich das pochende Gehänge und schwor Rache.

*****

Als sie sich der organisch anmutenden Hängebrücke näherten, materialisierte eine alte Frau vor ihnen, begleitet vom legendären Enterprise-Beam-Geräusch. Ihre Gestalt war gebeugt, ihr Gesicht verwittert und verwachsen, und doch strahlte sie eine ungeheuer alte und weltläufige, wenn auch zahnlose Weisheit aus.

"Halt!", krächzte sie.

Connie boxte Bradley mit ihrem spitzesten Ellenbogen in die Rippen und zischte: "Bitte Klappe halten, ich übernehme das!" Dann, laut und zur alten Frau gewandt: "Hallöchen, Sie können uns sicher weiterhelfen. Hier ist nicht zufällig das sphingische Orakel von Enig M-A XXIII?"

"Rein im Herzen muss der sein, der die orakelnde Sphinx befragen will.", sabberte die alte Frau mit erstaunlich durchschaubarer Rätselhaftigkeit.

Connie schwenkte die Karte mit den kryptischen Symbolen. "Jaja, steht ja alles auch hier auf der Karte, aber sagen Sie: Was genau macht denn diese Reinheit des Herzens aus? Ich meine nur, weil ja nämlich, wer nicht rein im Herzen ist..."

"...die Brücke des Orakels nicht überschreiten kann...", ergänzte das alte Weib, "...und im Abgrund der Finsternis zerschmettert wird, wo die Seele auf ewig im Feuer der Verdammnis..."

Bradley schob sich dazwischen.

"Okay, genug gequatscht, Oma, ich hab keine Predigt bestellt. Also tatter mir mal schleunigst aus dem Licht, ich will da nämlich rüber." Sprach's und marschierte entschlossen los.

Die Pumps der rothaarigen Wissenschaftlerin hinterließen Streifen auf dem Boden, als sie sich an Bradley festklammerte, um ihn aufzuhalten.

"Ich halte das für keine gute Idee!", zeterte sie. "Sie sind nicht eben das, was man 'reinen Herzens' nennen könnte."

Bradley hielt an und wandte sich ihr zu, nicht ohne sich so schräg zu stellen, dass sie nicht mehr ohne weiteres zutreten konnte.

"Was wissen Sie denn schon davon, Mäuschen?"

"Ich bin zufälligerweise Spezialistin auf dem Gebiet alter Orakel, schon vergessen? Lassen Sie Chuck gehen."

Verächtlich sah Bradley zu Chuck, der sich gerade schniefend die Nase putzte.

"Diesen schattenparkenden Warmduscher?"

"Das nennt man aufrichtige, menschliche Gefühle, Sie Fleischerseele."

"Gefühle? Hab ich schon von gehört.", behauptete Bradley vage. "Na okay, Chuck. - Probier's."

Yeager tat, wie ihm geheißen. Er hatte kaum einen Fuß auf die Hängebrücke gesetzt, als diese zusammenzuckte, ihn mit schleimigen Pseudopoden einwickelte und in den Abgrund riss.

"Immer dasselbe mit den Touris.", gackerte das alte Weib, diesmal ohne Rätsel.

Bradley trat nach ihr, doch sein Fuß ging einfach durch sie hindurch; sie war so immateriell wie die Börsenwerte der intergalaktischen Dotcoms am Ganz Neuen Markt.

"Na, Connie, wollen Sie es nicht probieren?"

Die Wissenschaftlerin schluckte und ging zur Brücke. Vorsichtig setzte sie einen Fuß auf das Material, das wie grüne Grütze glibberte.

Nichts passierte.

Mühelos schritt sie über die Brücke und erreichte die Felsplattform auf der anderen Seite.

Bradley legte den Kopf schief und dachte nach. Sollte die schmucke Lady etwa noch Jungfrau sein? In dem Alter? Wow!

Bradley leckte sich die Lippen. Dann, ohne zu zögern, folgte er ihr und betrat die Brücke. Links und rechts gähnte die Tiefe, und als Bradley in den Abgrund blickte, hatte er das Gefühl, als blicke der Abgrund auch ein wenig in ihn hinein.

Doch auch bei ihm tat die Brücke keinen Muckser.

"Raaah!", zeterte das alte Weib, doch vergebens. Als Bradley die andere Seite erreicht hatte, sah er noch, wie sie eine Fernbedienung aus den Lumpen ihrer Bekleidung zerrte und wild darauf herumdrückte.

"Reinheit des Herzens...", grinste Bradley, und zeigte dem holographischen Weib fröhlich den Mittelfinger. "Ihr Orakel solltet euch langsam mal was besseres einfallen lassen als immerzu diesen Eso-Quark!"

Dann betrat er die Hütte des Orakels.

*****

Im Inneren der Hütte verströmten Räucherstäbchen und Duftlampen süßliche Gerüche. Traumfänger und Qi-Gong-Windspiele harmonierten mit der Farblichtmusik aus unsichtbaren Lautsprechern. Zahllose Edelsteine und Lampen in Pyramidenform erzeugten ein mystisches Flair. Das Orakel selbst war allerdings bloß ein handelsüblicher Milkasoft Delphi-8000 Supercomputer, ausgerüstet mit einer Kristallglas-CPU und speziellen I-Ging-, Tarot- und Runen-Chips zur Kalkulation aktueller und zukünftiger Ereignisse. Die Holographie des alten Weibs entpuppte sich als reine Defensivmaßnahme der Anlage, die futuristische Variante einer Vogelscheuche.

Bradleys fleischige Zeigefinger stachen abwechselnd auf die Tastatur ein, als er den Computer hackte, wobei versteinerte Schmutzränder aus seinen Fingernägeln bröselten.

"War leichter, als ich dachte.", grinste er kurz darauf und ließ den Mittelfinger auf die Enter-Taste krachen.

"Noch nie so ein Orakel gesehen.", staunte die rothaarige Spezialistin, als der Drucker losratterte und den Bauplan des Todessterns ausspuckte.

"Es tut seinen Dienst." Bradley grinste zufrieden, faltete den Ausdruck zusammen und steckte ihn ein. Dann legte er einen größeren Sprengsatz an das Hi-Tech-Orakel.

"Wozu das denn?"

"Na, Kindchen: Sie wollen doch wohl nicht, dass der Staat, den Sie und Ihre Kumpane auf den Trümmern des aktuellen errichten wollen, mit Hilfe weiterer Tipps dieses orakelnden Computers wieder auf Eis gelegt wird, oder?"

"Da haben Sie irgendwie recht.", nickte Connie.

"Eben. Ich stelle also den Timer auf 30 Minuten, dann müssten wir weit genug entfernt sein, um problemlos dieser hübschen kleinen Nukleardetonation zu entkommen."

"Sie sind der Sprengmeister, Bradley. Ich geh schon mal vor und checke die Brücke."

Scott machte den Zünder scharf und folgte der Wissenschaftlerin aus der Hütte. Sie wartete schon auf ihn, ihr Mund war offen, ihre Augen groß.

Auch Bradley bemerkte es. Die Brücke war weg.

Reflexhaft griff er in seine Jacke, besann sich dann aber eines besseren. "Scheiße", knurrte er, und warf finstre Blicke auf die endlose Kluft, die sie umgab und vom Heimweg trennte.

"Los, Bradley, schalten Sie die Bombe ab, bis uns eingefallen ist, wie wir hier wegkommen!"

"Ich sagte 'Scheiße', und das hat seinen Grund. Das ist nämlich eine Bombe mit Selbstschutz, die geht schon hoch, wenn Sie ihr nur aus der Ferne zuwinken!"

"Also sitzen wir in der Klemme, stimmt's?"

"Kein Sorge..."

Bradleys Stimme war plötzlich sehr heiser.

"...es wird ganz bestimmt unsere letzte sein."

*****

Die einst so spröde Wissenschaftlerin wischte sich die von Tränen verschmierte Wimperntusche aus den Augen.

"Sagen Sie, Bradley.", schniefte sie leise, "Wie viel Zeit haben wir eigentlich noch?"

"Vielleicht 23 Minuten. Wieso? Wollen Sie sich noch die Fingernägel lackieren, ehe wir abkratzen?"

"Nein, aber so will ich nicht sterben!"

"Wer will schon so sterben: Auf einem felsigen Plateau am Arsch der Welt, ohne ein letztes Steak mit Bratkartoffeln..."

"Nein, es ist..."

"Spucken Sie's schon aus!"

"Wissen Sie ... ich bin noch Jungfrau..."

Bradley schüttelte skeptisch den Kopf und lachte.

"Selbst wenn ich das glauben würde: Na und?"

"Bitte, Bradley! Ich will nicht sterben, ohne vom Kelch der Liebe gekostet zu haben!"

"Kelch der Was?"

"Scott! Nimm mich! Als wär's das letzte Mal!"

"Hören Sie, Frau Lingus..."

"Bitte Scott! Sei ein Mann! Jetzt! Hier!"

"...also, das geht doch nicht..."

"Für mich! Soll - ich etwa unschuldig sterben?"

"Also..."

Sie riss sich die Kleider vom Leib, massierte sich die Brustwarzen und imitierte gekonnt eine Table-Dancerin.

"Los! Besorg's mir! Bitte!"

Bradley stöhnte und atmete tief durch, als läge vor ihm ein Tag voll mühsamer Arbeit. Dann nickte er seufzend, als ergebe er sich in sein hartes Schicksal.

"Na schön. Wenn es unbedingt sein muss ..."

Scott hob die Rothaarige hoch und legte sie mit dem Rücken auf einen glatten Felsen. Er nahm sich nicht die Zeit, die Hose ausziehen, sondern knöpfte sie nur auf. Dann drang er ohne Umschweife und im Stehen ins Feuchte ein.

Kaum eine Minute nach dem Eingeständnis ihrer Jungfräulichkeit, hatte er sie bereits defloriert und hechelte kurz darauf im Takt der genetischen Sinfonie, im Gesicht ein Grinsen so breit wie die Milchstrasse.

Als er bemerkte, dass sie dem Orgasmus nahe war, hielt er plötzlich inne.

"Was ... was ist los?", keuchte sie, außer Atem, mit gerötetem Gesicht, schweißbedecktem Körper und derangierter Dauerwelle.

"Weißt Du, Connie, es gibt da etwas, worin ich noch Jungfrau bin..."

"Wie?"

"Na ja, nicht jede Frau ist bereit..."

"Ich verstehe." Connie verlor keine Zeit, rutschte vom Felsen, kniete sich hin und schlang ihre Hände in Scotts Gürtel. Der wunderte sich nicht wenig.

"Woher weißt Du..."

"Ich bin vielleicht Jungfrau, aber nicht blöd. Glaubst Du, ich hätte nie den New Kinsey Report gelesen?"

*****

Zehn schmatzende Minuten später hallte ein markerschütternder Schrei in den Abgrund um das kleine Felsplateau mit der Hütte des Orakels.

"Nicht schlecht.", keuchte Bradley zufrieden.

Die Wissenschaftlerin schluckte tapfer, stand auf und breitete ihre Kleidung auf dem Boden aus. Dann legte sie sich auf den Rücken und spreizte die Beine.

"So, jetzt bin ich wieder dran!"

Scott wischte sich Schweißperlen von der Stirn, knöpfte seinen Hosenstall zu und sah gähnend auf die Uhr.

"Danke für das Angebot, aber so gut war's nun auch wieder nicht."

"Was? Aber die Bombe... wir haben nur noch wenige Minuten!"

Mit Augen, so groß wie Pessare für Dinosaurierinnen, sah Connie Lingus, die ihre Jungfräulichkeit 28 Jahre hinter einer feministischen Fassade verschanzt hatte, wie Scott ein Handy aus der Jackentasche zauberte und es ausklappte.

"Bradley an Orbiter, Bradley an Orbiter!"

"Sie Schwein!" kreischte Connie. "Sie Drecksau! Sie haben Kontakt zum Orbiter und es die ganze Zeit gewusst!"

Bradley grinste, brachte eine Especiales und eine Packung Zünder zum Vorschein, nahm das letzte Streichholz heraus und entfachte es am Reisverschluss seiner Hose. Während er die Zigarre anpaffte, sagte er:

"Sie werden lachen: Für ein paar Augenblicke lang hatte ich das sogar vergessen. Und nun sollten Sie sich lieber was anziehen, Kindchen."

Ein Krächzen quälte sich aus dem Handy.

"Orbiter hier. Ihr Auftrag, Commander Bradley?"

Bradley erwehrte sich mühelos der verzweifelten Attacken der Wissenschaftlerin, die mit ihren kleinen Fäustchen ohnmächtig gegen seine mächtige Brust trommelte.

"Bradley hier. Zwei Personen zum Hochbeamen."

"Aye, Commander. Wir haben gleich eine Peilung. Zwei Personen. - Ach, und, Sir: Wie ist's gelaufen?"

Bradley sah zu, wie Connie sich verschämt und in Windeseile anzog, und grinste.

"Mission äußerst erfolgreich."

 

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