
Mission 06
Angriff auf den Todesstern
Von Andreas Winterer
Die Triebwerke des kleinen Weltraumjägers brüllten auf, als der Pilot die Maschine in letzter Sekunde herumriss. Der Kobalt-Torpedo zischte an ihnen entlang, schrammte aber nur ihre Heckflosse und verlor sich dann in der Ferne des Alls (wo er Lichtjahre später aus Versehen eine hochstehende und gottesfürchtige Zivilisation auslöschen würde; die Supernova hatte jedoch auch ihr Gutes, da sie auf der Erde drei Typen aus dem Morgenland den Weg wies, was zahllose weitere Kriege, Folterungen und Steuern nach sich zog, aber das ist eine andere Geschichte).
Das Ortungsgerät fiepte erneut, die Augen des Piloten weiteten sich. "Da hat uns schon wieder einer im Visier!", kreischte er.
Bradley wirbelte herum. Der Kurzstreckentaster suchte, fand und rastete ein. Bradleys Daumen kippten nach vorne, sein Achtfach-Energiewerfer spie tödliche Fontänen aus Photonen ins All. Sie kreuzten sich fast auf halbem Wege mit den Todesstrahlen des feindlichen Abfangjägers.
Bradley sah noch, wie das Raumschiff der Königlichen Flottille pittoresk in tausend Splitter zerbarst, dann wurde sein eigenes Schiff getroffen. Erbarmungslose Atomgewalten beutelten den kleinen Raumer, Funken sprühten aus den Konsolen, ein paar Skalen explodierten mit lautem Knall. Die Triebwerke leierten durch ein schräges Portamento von F nach H und zurück.
Doch die Schilde hielten.
Der Pilot sah, wie der Schoko-Milchshake, der im Halter seiner Seitentür steckte, aus dem Strohhalm hervorschäumte. Er geriet in Panik.
"Wir wurden getroffen!", schrie er.
"Ach was." Bradley tippte mit der Rechten seinen Code in den Bordcomputer und schloss mit der linken die Dichtung des Helmes. "Steuern Sie die Oberseite des Todessterns an, und schalten Sie dann auf den Autopiloten, Kurs HC-9."
"Wir werden sterben!"
Bradley schob seine Faust durch die enge Kanzel nach vorn und verpasste dem Piloten eine Kopfnuss.
"Halten Sie die Klappe, Flieger McFly, und führen Sie den Befehl aus!"
"J-J-Jawohl, Sir!"
"Und keine 'Sir's hier, mein Junge, wir sind schließlich im Einsatz. Und machen Sie den Helm dicht, wir werden aussteigen, sobald Sie den Autopiloten aktiviert haben."
"Aye, Genosse!"
Das ständige 'Genosse' ging Scott reichlich auf den Senkel, doch er lernte langsam, mit dem seltsamen Umgangston der Widerstandskämpfer zu leben.
Als der Pilot die angeschlagene Maschine hochzog, bemerkte Bradley, dass der hintere Teil ihrer Maschine brannte und das Feuer sich allmählich an den Isolierungen der Positronenleitungen entlang zum Raketentreibsatz unter seinem Sitz fraß.
'Sgt. Peppers lonely hearts club band' summend, zog er einen Flachmann mit Whiskey aus der Schenkeltasche, leerte ihn halb und steckte die Flasche wieder weg. Dann öffnete er seinen vakuumtauglichen Hosenfall und pinkelte auf die Flammen. Zischend brachte ihn die Flüssigkeit in Sicherheit, indem sie alle Flammen erstickte, während Scott seinen Retter in Sicherheit brachte, indem er ihn in den Tiefen seiner kugelsicheren Unterwäsche versteckte.
Zufrieden klickte sich Bradley durch die Anzeigen der taktischen Statistik. Die kleinen Raumjäger des Widerstands hatten ganz nach Bradleys Plan die Verteidigungsstreitkräfte der Königlichen Flotte in aufreibende Scharmützel verwickelt, während die Handvoll großer, veralteter Kreuzer den modernen Todesstern ungeschützt, aber ungeniert mit großem Kaliber bombardierte.
All diese Sci-Fi-Flitzekacke von Photonentorpedos, die in letzter Sekunde in kleine Löcher geschossen werden mussten, waren Hollywood-Hirngespinste. Das war jedenfalls aus den Bauplänen ersichtlich gewesen, die ihnen das Orakel von Enig-MA XXIII auf Xeroxpapier geweissagt hatte. Da half nur die harte Tour, und Bradley war der, der wusste, wie die aussah.
Na schön, sie hatten bei ihrem Frontalangriff vielleicht zwei Drittel ihrer Männer verloren. Aber ohne Bradleys Intensivtraining wäre der Widerstand nicht einmal so nahe an den Todesstern herangekommen wie ein fundamentalistischer Islamist an eine US-Imbissbude, die sowohl Koscher-Kitchen als auch Schweinsbratwürste anbot.
Sie erreichten die Oberseite des riesigen Todessterns, als zwei Dutzend Königlicher Kampfraumer mit rotglühenden Geschützlafetten an ihnen vorbeidröhnten. Hinter ihnen vergingen sie im Laserhagel der Geschütze angreifender Rebellenkreuzer. Der Königliche Zentralcomputer registrierte automatisch die IDs der Gefallenen und versandte binnen Sekunden Kondolenz-Mails an die weinenden Mütter der Kriegshelden. Tja, dachte Bradley, so ist das eben, wenn man für die falsche Vatergalaxis kämpft.
"Ich schalte den Autopiloten auf HC-9.", meldete sich McFly.
Korrekturdüsen und Nachbrenner fauchten auf und brachten das Schiff auf einen neuen Kurs. Unbeirrbar, als stünde der kleine Jäger auf Schienen, führte sein Weg nun direkt zur Kommandozentrale des Todessterns. Gleichzeitig drehte der Bordcomputer das Schiff um 180 Grad auf der Längsachse, so dass sie nun quasi auf dem Kopf flogen.
Bradley knirschte mit den Zähnen. "Okay, dann halt Deine Eier fest, es geht los."
Sein Handballen krachte auf den Schalter der Schleudersitze. Die Raketentreibsätze zündeten und schleuderten sie aus dem Schiff, das wenige Sekunden später in die Panorama-Aussichtskanzel der Hauptbrücke donnerte und den dort tagenden Königlichen Generalstab vaporisierte.
*****
Bradley griff nach der Steuerung des Jetpacks, zündete erst im letzten Augenblick und landete weich wie eine Feder auf der Außenhaut des Todessterns. In selbiger schlug kurz darauf mit dem Geräusch einer platzenden Melone McFly ein.
"Idiot!", murmelte Bradley, salutierte aber trotzdem, da er gute Piloten achtete.
Dann suchte er die Oberfläche ab. In 80 Meter Abstand leuchtete eine Notausstiegs-Plakette. Während er routiniert die Umgebung sondierte, ging er auf sie zu. Der Todesstern war so gigantisch, dass man die Krümmung der Oberfläche kaum noch sehen konnte. In der Ferne zündeten andere Rebellen ihre Jetpacks und setzen mehr oder weniger sauber auf. Über ihnen tobte die Weltraumschlacht, gelegentlich tauchten Explosionen die Umgebung in rotes Licht.
Fast gleichzeitig leuchteten die Thermonitalladungen auf, mit denen die verschiedenen Invasionsgruppen die Schlösser aufschmolzen. Scott ließ sich ins Innere das Todessterns fallen, schweißte die Tür mit einer weiteren Ladung hinter sich zu, checkte die Atmosphäre und zerrte seinen Helm vom Kopf.
Boden unter den Füßen. Jetzt konnte es losgehen.
*****
Er war noch keine 500 Meter durch die geräumigen Lüftungsschächte gekrochen, als er auf die anderen stieß.
"Ah, Genosse Bradley!"
Bradley musterte sein Gegenüber wie ein Laserscanner, dann erkannte er den alten Freund und lachte.
"Major Bones! Smash! Du hier? Und was soll der Genossenscheiß?"
Bones gab seinen Leuten, zwei Dutzend kräftiger junger Männer mit geringem Bartwuchs, knappe Anweisungen, und sie verkrümelten sich behände im Gang vor ihnen. Dann erst wandte er sich wieder Scott zu.
"War nur ein Scherz. Ich dachte, ich kann Dir damit auf den Sack gehen... hä hä. Du bist allein?"
Scott zeigte auf seinen Fusionsblaster.
"Nein, Maria ist bei mir."
Major Smash Bones lachte und lehnte sich zurück.
"Maria, die Unschuldige und die Hure. Immer noch der Alte, was Scott?"
Bradley kramte grinsend ein Lederetui aus seiner Jacke, schlitzte das Siegel mit seinem breiten Daumennagel auf und hielt Smash die duftende Packung vor die Nase.
"Especiales, was, Scott?" Bones griff zu.
"Von unschuldigen Nymphen auf den gebräunten, zarten Innenseiten ihrer Oberschenkel gerollt. Was sonst?"
Aus der Ferne drang Gefechtslärm zu ihnen. Sie zündeten ihre Zigarren an und pafften eine Weile schweigend vor sich hin.
"Sieht nicht gut aus.", meinte Bones dann.
"Die Schlacht? Wir haben so gut wie gesiegt. Das Geplänkel da draußen ist nur noch eine Sache der Zeit."
"Das meine ich nicht."
"Was dann? Die Übernahme der Macht? Immerhin sind wir schon drin: Wenn wir den König an den Eiern haben, ist das alles Geschichte. Die Königliche Garde besteht doch nur aus milchschaumschlürfenden Maisklickern!"
"Ja, aber was passiert dann? Wir haben das Reich in Schutt und Asche gelegt. Wir können hinterher nicht so tun, als wäre bloß ein Frühlingsniesel niedergegangen."
"Das sehen wir, wenn es so weit ist."
*****
Sie wärmten noch ein paar alte Erinnerungen auf, immerhin hatten sie lange Jahre Seite an Seite gekämpft, ehe sie dem Reich den Rücken gekehrt hatten. Dann machten sie sich auf den Weg.
Den hatte Bones' Mannschaft bereits gesäubert, und so trafen sie auf keinen einzigen Gegner. Der geräumige Belüftungsschacht, der in die Zentrale führte, sah allerdings aus wie die Flure einer Nitsch-Ausstellung: Die Gedärme Königlicher Soldaten hingen an den Wänden, und einmal wäre Scott schier ausgerutscht, denn das Blut stand knöchelhoch in den Gängen.
"Wo hast Du Deine Männer her? Die legen sich ja wirklich ins Zeug, Mannomann. So was findet man heute kaum noch."
"Alles meine Söhne."
"Vierundzwanzig Söhne?"
"Ich bin Warkomone, schon vergessen?"
"Ja. Aber jetzt fällt's mir wieder ein. Zweiundfünfzig Weiber pro Jahr. Da könnte man fast auch religiös werden."
"Gell?"
Gelegentlich fanden sie einen von Bones' Söhnen, aber nur alle 1000 Meter. Als sie im Sicherheitskern des Todessterns ankamen, stand nur noch einer von ihnen vor den Lüftungsschlitzen. Als er sie kommen hörte, legte er die Finger auf die Lippen.
"Johannes?", flüsterte Bones.
"Nein.", wisperte es zurück. "Ich bin Markus. Johannes fiel bei Schleuse 17."
"Was ist da drin los?"
"Der König und seine Garde haben sich verschanzt. In einer Sicherheitszelle."
"Die ganz offensichtlich nicht sicher genug ist. Warum bist Du nicht rein?"
"Weil ich schlauer bin als meine Brüder."
"Da ist was dran."
Bones zog seine Waffe, zeigte drei Finger, dann einen und dann zwei. Eine halbe Sekunde später krachten Bradleys Stiefel auf die Lüftungsblende. Mörtel spritzte in die Sicherheitszelle.
Die Garde zuckte herum und nestelte ihre barock verzierten Gewehre von der Schulter, doch es war zu spät. Die Explosivgeschosse aus den Pistolen von Bradley, Bones und dessen Sohn heulten durch die Luft, drangen dumpf in ihre Körper ein und starteten ihre Countdowns. Einen Wimperschlag später hatte die Tapete eine andere Farbe und zehn Paar Stiefel warteten auf neue Besitzer.
Der Kopf des Königs ähnelte einer unreifen Tomate, sein riesiger Körper hatte die Form einer Birne und bebte und zitterte.
"Er ist nicht amüsiert! Tut ihm nichts! Er kann euch alles geben, was ihr wollt! Ihr könnt Herzöge werden... und gepanzerte Mörsides-Benz RAF-Klasse fahren... und blutjunge Mädchen haben... und Koffer kriegen ... und Urlaub machen am Wolfgangsee inmitten blühender..."
Sie schüttelten ihre Köpfe und kamen drohend näher. Schlotternd hob der König die Hände, die in schwarzen Handschuhen steckten, machte einen Schritt nach hinten und stolperte dabei über sein schwarzes Königliches Cape. Bradley beugte sich über den Gestürzten und drückte ihm die Mündung seines Blasters ins Nasenloch.
"Es hat sich ausregiert, Du debile Weltraumschwuchtel." Plötzlich rümpfte Scott die Nase und wich zurück. "Igitt, die fette Sau hat sich in seinen Gummikittel gepisst!"
"Was machen wir mit ihm?", fragte Markus.
"Wart's ab, mein Junge."
Bradley wandte sich wieder dem König zu und schrie ein kurzes "BUH!". Der fette Gummikürbis zuckte noch ein paar Mal und verschied dann an Herzversagen. Was bezeichnend war.
*****
Inzwischen hatten sich die Gruppenführer in der Sicherheitszelle versammelt. Das Ergebnis der Schlacht war eindeutig: Die Königliche Armee war ebenso über die Klingen gesprungen wie ein Großteil der Widerstandskämpfer. Übrig waren nur ein paar jener Soldaten, die vorher schon Soldaten gewesen waren und die sich nur deshalb auf die Seite des Widerstands geschlagen hatten, weil die Politik des Königs selbst Söldnerseelen auf den Senkel ging.
"Jetzt brauchen wir eine neue Regierung." Es war der grauhaarige Brigadegeneral Zac McKraken, der das sagte. "Commander Bradley, Sie haben sehr viel für die Befreiung vom Joch dieser Weichbacke getan... meine Kameraden und ich, wir haben uns beraten und sind uns einig. Wir möchten deswegen fragen, ob nicht Sie das neue Staatsoberhaupt werden wollen?"
"Eine Militärregierung? Wär mal was anderes..."
Bradley sah auf die Männer, die sich, ohne sich dessen bewusst zu sein, in einem Kreis um ihn herum versammelt hatten, entzündete ein Streichholz in der Kerbe seines Kinns und paffte eine neue Zigarre an.
"Kommt aber dennoch nicht in die Tüte. Ist ja ganz nett, das Rumballern und so, aber zwischendurch müssen wir den Leuten ja mal wieder Zeit geben, neue Häuser, Schulen und Kampfschiffe zu bauen. Sonst haben wir ja gar nichts, was wir zerschießen können."
"Keine Militärregierung. - Sie als Chef gründen ein neues Parlament! Bilden einen Regierungsstab." McKrakens imposante Gestalt baute sich vor ihm auf, sein rechter Zeigefinger zeigte in Luft. "Da draußen sitzt sie jetzt, die ganze schleimige Brut der Außerirdischen, und wartet nur darauf, dass nach dem Krieg das Chaos ausbricht! Wir dürfen keine Schwäche zeigen! Sie wollen doch nicht, dass denen unser schönes, sauberes Imperium in die Hände fällt?"
Bradley paffte seelenruhig vor sich hin.
"Sicher nicht. Aber Regierungsverantwortung? Nein danke!"
Bones warf sich nun ebenfalls ins Zeug.
"Scott, sag nicht gleich nein. Es wäre doch nur kommissarisch, wenn Du willst. ... Bis der Laden wieder läuft!"
Bradley schüttelte den Kopf.
" Zu viele Kompromisse. Der ganze Politscheiß. Arbeitsplätze, Krankenkassen, Bildungswesen... Last-Minute-Statements fürs Fernsehen ... nein, dieses Kasperltheater ist nichts für mich."
Demonstrativ marschierte er aus ihrer Mitte und schickte sich an, den Raum zu verlassen. Keiner der Männer sagte etwas, sie schwiegen nur betroffen. An der Schleuse drehte Scott sich um.
"Wollt ihr mir wirklich weismachen, wir haben eine hundertfach überlegene Streitmacht ausradiert, und jetzt niemanden auf der Pfanne, der das Ruder übernehmen könnte?"
Es kam keine Antwort.
'Seine Königliche Hoheit Scott I.', dachte Bradley. 'Klingt gar nicht mal sooo verkehrt. Und gab es da nicht diesen Brauch mit den frisch vermählten Bräuten, die sich der König noch jungfräulich über die Leisten ziehen durfte?'
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