
Mission 16
Der Kobayashi-Maru-Test
Von Peter Hostermann
Das schwere Schiff wendete ächzend. Eben noch hatte Scott Bradley das Fadenkreuz betrachtet, dass vom Gefechtscomputer auf den Holoprojektor der Kommandobrücke der USS "Gnadenbringer" projiziert wurde, und das einem kleinen ahnungslosen Ziel folgte, das der Commander gähnend abzuschießen gedachte. Nun schreckte er hoch.
Ursache dieser Irritation waren zwei 'N3-de-Mol'-Killersonden, die sich von links aus dem Hyper-Senderaum näherten und keinen Zweifel an ihrer Absicht ließen, die Einschaltquoten von M31-CNN in die Höhe zu treiben und Scott Bradley gehörig den Tag und auch alle weiteren zu versauen.
Letztgenannter schnellte dienstbeflissen nach vorne, ergriff einen Joystick unzweifelhafter Aufgabe und quittierte diesen gesellschaftlich unangemessenen Affront geistesgegenwärtig mit zwei Salven aus seiner UNREAL (Unwiderruflich Neutralisierender, Richtig Ekelhaft Abrotzender Laser), bis die kleinen Quälgeister verbruzzelten wie alte Butter auf einer Herdplatte. Als Bradley noch die Quasselqualle von Talk-3 mittels einiger direkter Treffer von ihrer Überflüssigkeit überzeugt hatte und sich eben zurücklehnen wollte, um genüsslich an seiner sechszölligen 'Cuba's Revange' zu ziehen, nörgelte der Gefechtscomputer erneut.
"ALARM! Wir dringen in die neutrale Zone ein! ALARM!"
Bradley verzog angewidert sein Gesicht, wie nur er sein Gesicht verziehen konnte. Bekannt war, dass Bradley auch andere Gesichter verziehen konnte. Auch und vor allem die von anderen Lebensformen. Aber die Lebensformen, denen Bradley bisher das Gesicht verzogen hatte, konnten verständlicherweise wenig darüber berichten. Doch das ist eine andere Geschichte.
Neutrale Zone, dachte der Commander. Pah! Steuerfrei, aber langweilig. Hyperbutterfahrten. Orion, die Kaffeemaschine, Andromeda, die Heizdecke. Schöne Aussichten!
"ALARM! Wir dringen in die neutrale Zone ein! ALARM!", nörgelte der Computer weiter, als hätte er ein persönliches Problem, was vornehmlich damit zusammenhing, dass ihn sein Leben lang niemand wirklich beachtet hatte.
"Na und? Hab ich vielleicht was an den Horchtüten?", zischte Bradley. "Aber wir werden sehen, kleiner Ziffernhansel!" Dann sah er sich verstohlen um, griff geheimnisvoll hinter die Konsole des Gefechtscomputers und fummelte umständlich an verschiedenen Kabeln herum, bis er die richtigen erwischt hatte, die er mit einem Ruck pensionierte.
Plötzlich wurde der Raum hell.
Die Schirme verschwanden in der Decke, die Geräusche auf der Brücke erstarben. Bradley saß allein auf dem Stuhl des Commander in einem leeren Raum und sah für kurze Zeit etwas konsterniert aus. Jedenfalls für den Bruchteil einer Sekunde. Jedenfalls für den Bruchteil eines Bruchteils einer Sekunde. Überhaupt waren wenige Bruchteile aktenkundig, die sich überhaupt daran erinnern konnten, Commander Scott Bradley je konsterniert gesehen zu haben.
Dann öffnete sich ein Tür und eine Frau im Ärztinnen- und-Wissenschaftlerinnen-Kittel stöckelte herein.
"HOLO-Computer: Simulation Aus! Und nun zu Ihnen, Commander Bradley!", herrschte die fleischgewordene Inkarnation der unbestechlichen Dienstaufsicht Bradley an. "Der Kobayashi-Maru-Test dient dazu, ihre Fähigkeiten als Commander zu testen! Eines Tages werden Sie in einer echten Gefahrensituation versagen", geiferte der Kittelinhalt, "und ich hoffe, ich werd's erleben!"
Scott baute sich ebenso pflichtbewusst wie grinsend vor ihr auf. Seine Augäpfel kullerten wie Tischtennisbälle zwischen ihre großzügig gepolsterten Lungenflügel.
"Ist gebongt, Dakota! Wenn ich mich vorher ausgiebig auf Ihnen verabschieden darf!"
Bradley grinste erneut, machte ein paar gekonnte Drehungen auf seinem Absatz und verließ den Simulationsraum, um im Casino in olympischer Manier gegen verschiedene Cocktails anzutreten.
Psychologin Dakota Michigans Brüste bebten vor Zorn noch eine Weile hinter Bradley her.
*****
Zwei Stunden später hatte Bradley bereits den siebzehnten Drink intus und parkte die Füße auf den Tisch. Der Barkeeper hasste ihn regelmäßig dafür, verlor aber kein Wort, während er hinter seiner Schutzbrille versuchte, die lebenden Bestandteile seiner Drinks in den Turbomixer zu bekommen. Bradley war in seinem Element.
"Hätten sie sehen sollen!", artikulierte er mit situativem Sprachfehler, "Wir haben ihnen gehörig den Arsch versohlt! Dreitausend von diesen Mistviechern! Dann haben wir ihnen, ZOOOSCH!, die Fühler gestutzt!"
Synchron zu "ZOOOSCH!!" machte Scott Bradley eine ausladende Handbewegung, die seinen Drink umwarf. Der Inhalt ergoss sich auf den Boden und fraß sich durch drei Decks. Schielend winkte Bradley den Menschen durch das Loch im Boden zu, bis er ein paar rote Schuhe nahen sah. Bradley fiel in den Sitz zurück und grinste sein unverkennbares Grinsen.
"Michigan, altes Schleudertrauma! Sie? Hier im Casino? In Zivil?"
Die Angesprochene lächelte säuerlich und ließ ihren Blick über die restlichen Besucher der Bar schweifen, als müsste sie sich der erbärmlichen Existenz alkoholgeschädigter, raumfahrender Elemente versichern.
"Bradley, Sie wissen, dass ich Sie lieber mit einem Besen in der Hand sähe, als am Steuer eines Raumkreuzers. Und glauben Sie mir, ich würde Ihre Arbeit mit einer Lupe kontrollieren! Sie sind eine Warze am Arsch der und eine Schande für die christliche Raumfahrt!"
Bradley beugte sich nach vorne. Michigans künstliche Wimpern kräuselten sich unter seinem Atem.
"Michgan, Sie wissen, dass auch ich Sie lieber auf Ihren Knieen sähe mit meinem [MÖÖÖP!] im Mu...[MÖÖÖP!] als...."
[MÖÖÖP!] [MÖÖÖP!]
Weiter kam er nicht, weil sich irgendwelche subversiven extraterrestrischen Glibberlinge, die vor gar nicht allzu langer Zeit eher per Zufall den Ionenantrieb entdeckt hatten und der Meinung waren, den Rest der Galaxis mit ihren schäbigen Ansichten behelligen zu müssen, anschickten, die Station anzugreifen.
Alarme hupten ihr beständiges MÖÖÖP!, Stimmen plärrten über die Lautsprecher, Lampen blinkten hektisch. Commander Bradley sprang auf und riss eine verdatterte Dakota Michigan am Handgelenk zum Ausgang des Casinos.
"Die Station wird angegriffen. Kommen Sie, Herzchen! Die 'Warze am Arsch' hat noch ein paar Asse im Ärmel!"
Commander Bradley stürmte gegen den Strom kreischender Menschen zur Kommandobrücke. Die Psychologin stolperte hinter ihm her. Bradley versuchte indes, Michigans verschiedenen Gesetzen der Massenträgheit gehorchende Extremitäten zu ignorieren, jedenfalls, bis er die Situation wieder unter Kontrolle hatte.
*****
Bradley schwang sich auf den Sessel, drückte verschiedene Knöpfe, schätzte kurz Winkel und Geschwindigkeit der heranfliegenden Kampfschiffe und ballerte, was das Zeug hielt. Myriaden von ziemlich übelgelaunten Plasmageschossen suchten sich im Vakuum ihren lasergesteuerten Weg in eine vernarbte Metalllegierung, die asoziale Extremasylanten beherbergte. Bradley hatte es schon immer gehasst, dass der luftleere Raum jedes Explosionsgeräusche verschluckte und kommentierte jeden Treffer synchron mit einem lungenstarken 'BANG!'.
Dann erstarb das bunte Treiben im All. Die Psychologin war dem Geschehen gebannt gefolgt und klammerte sich an seine Sessellehne.
"Haben wir es geschafft?", keuchte sie.
"Äh, klar, Doktor! Aber...."
"Wenn Sie 'aber' sagen, kriege ich eine Gänsehaut, Bradley! Sagen Sie es!"
"Na gut: Aber!"
"Das meinte ich nicht!"
"Nun, äh, wir haben die Aliens besiegt, aber die Station hat dabei soviel Energie verloren, dass wir unsere Umlaufbahn nicht mehr halten können!"
"Und das heißt?", kreischte Michigan hysterisch.
"Nun, nichts weiter. Na ja, die Sache ist die: Wir, äh, stürzen auf einen Planeten! Und zwar auf diesen malerischen hier."
Scotts Finger wies auf den Hauptschirm, der Ritschwumm III zeigte und wie schön es um diese Jahreszeit auf seiner Nordhalbkugel sein konnte, aber nur, wenn man weit genug weg davon war. Oder stabil in einem ritschwummstationären Orbit. Aber nicht in einer Station ohne Energie, die sich tiefer und tiefer schraubte.
"Tja, das war's dann wohl, Michigan!", seufzte Bradley, zündete sich eine Zigarre an und starrte aus dem Fenster.
Die Psychologin setzte sich auf den Boden und starrte gedankenverloren auf eine Wand aus unregelmäßig blinkenden, aber völlig nutzlosen Lampen.
"Wissen Sie, Michigan, ich glaube, Sie sind gar nicht so eine Schreckschraube. Ich glaube, Sie können ganz nett sein. Unter Umständen."
Die Psychologin zog eine Augenbraue hoch.
"Unter welchen Umständen?"
"Hmmm. Umstände wie diese hier, zum Beispiel."
Michigans zweite Augenbraue trat ihre Reise an.
"Daher also weht der Wind! Vergessen Sie's! Selbst wenn Sie der letzte Mann wären, dem ich im Leben ins Gesicht sehen müsste!"
"Sehen Sie der Wahrheit ins Gesicht, Michigan! Ich bin der letzte Mann!"
Die Psychologin fingerte sich nervös am Kragen herum, dachte an ihre verkorkste Ehe, an die vielen erfolglosen Sitzungen bei ihrem Sexualtherapeuten. Bradley legte eiskalt nach.
"Wir dringen bald in die Ritschwummatmosphäre ein. Wird schon ganz schön heiß hier drin, was?"
Michigan wusste, wann es vorbei war und sie wusste, dass Bradley zwar ein Sexist war, aber immerhin einen knackigen Arsch hatte. Diese Mischung spülte ihr ein seltenes Hormon in die Blutbahn, das dafür sorgte, dass sie ihren Kopf schief legte und Bradley seltsam anlächelte.
Bradley nahm sie sich vor. Nach allen Regeln der Kunst. Und er verstand sein Handwerk. "Beam me up, Scott!", wimmerte sie, bevor sie kam.
*****
"Kobayashi-Maru-Test bestanden?", grinste Scott Bradley, dicke Wolken paffend.
"Ich werde Sie lobend erwähnen", hauchte Dakota Michigan wimpernklimpernd und räkelte sich lasziv auf der Steuerkonsole. Die Silhouette ihres Körpers im schwachen Licht der Brücke hob sich schweißtreibend gegen den Sternenhimmel des Panoramafensters ab.
Sie verbrachte eine Weile mit Stirnrunzeln, bevor sie eine einfache Frage formulierte.
"Kobayashi-Maru-Test?" Sie richtete sich auf. "Wir sind... nicht wirklich angegriffen worden?" Sie sah nach draußen. Ritschwumm lag unten ihnen, ruhig wie immer. Jedenfalls aus dieser Höhe. Ihr Mund stand weiten offen, derart weit, dass... Bradley überlegte kurz, ob der die Gelegenheit nutzen sollte, besann sich aber eines Besseren. Er hatte seinen Spaß gehabt. Der alte Trick, dachte Bradley, er funktioniert immer noch.
"Aber, ....Der Alarm! Der Angriff! Diese Hitze! Was....?"
Bradley drückte einen kleinen Knopf. Ein Laufwerk surrte und gab ein kleines Speichermedium frei. Das Programm war sauber durchgelaufen. Draußen hatte sich längst alles wieder beruhigt, nur hier auf der Kommandobrücke war noch alles auf DEFCON 4, inklusive dieser anregenden, roten Beleuchtung. Er hatte an alles gedacht, auch an den Heizungsthermostaten. Er hielt der Psychologin die Disk unter die Nase.
"Auch ich werde Sie lobend erwähnen! Oder haben wir beide ein kleines Geheimnis bezüglich dieses Fehlalarms?"
Der Commander zog den Reißverschluss seines Overall hoch und beschloss, schleunigst den Raum zu verlassen, weil die Gegenstände, welche die splitternackte Psychologin nach ihm warf, immer bedenklichere Ausmaße annahmen. Daher bemerkte sie auch die kichernden jungen Fähnriche nicht sofort, die sich zum Waffenunterricht auf der Brücke eingefunden hatten.
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