
Mission 19
Schnitzeljagd
Von Andreas Winterer
Scott Bradley hatte eine Vision: Die Ware, saftig, sinnlich, blutig und wollüstig ergeben, also jeden Preis und auch die harten Strapazen der Beschaffung wert. Dann warf er sich in Deckung.
Keine Sekunde zu früh: Gut zwölf Dutzend Schüsse peitschten auf und fegten als glühender Atem gebündelter Energie über ihn hinweg. Genauer gesagt waren es 150 Schüsse, denn mehr passten nicht in das Magazin jener tödlichen Deuterium-Tommygun, mit der auf Bradley gezielt und geschossen worden war.
"He, Brutoniac!" donnerte Scotts Stimme durch die verrosteten Stahlträger, während er seinen Apple Newton 120 PDA aufklappte. "Ist das alles, was Blechschädel drauf haben?" Im Display musste er lesen, dass sein Shutz-Shield auf 13 Prozent abgesackt war. Kein Wunder, dass das Ding bereits nagelte wie ein Mercedes-Diesel Baujahr 1968 im arkturianischen Winter des Jahres 3003.
"Kinderfasching!" schallte es zurück. "Ich hau Dich in die Pfanne und servier Dich als Kulturspeise auf Idir!"
Bradley prüfte den Ladezustand seiner Protonenpistole und zischte leise ein missvergnügtes "Leer.". Wenigstens hatte er noch einige Medi-Packs aufnehmen können. Die lagen überall herum, vor allen in den dunklen Ecken zwischen Containern, deren Aufschrift "Weyland Yutani - We build better worlds" grün im Dunkeln phosphorisierte. Als wäre das Auftreten von Medi-Packs nicht schon merkwürdig genug, waren die Container auch noch geradezu ideal positioniert, um sich in ihrem Schutz anzuschleichen.
"Okay, Blechbürschlein." donnerte Bradley. "Du hast Deine 150 Chancen gehabt! Dein Magazin ist leer!"
"Du bist Dir ja sehr sicher, was meine fehlende Kenntnis der Modifizierbarkeit von Deuterium-Magazinen angeht, männlicher Fleischling." ratterte Brutoniac mit dem klingelnden Akzent einer Registrierkasse. "Hast Du Eier und Semmelbrösel dabei, damit ich Dich panieren kann?"
"Ich hab immer ein paar Eier dabei, Blechberg, und die werde ich in der Pfanne braten, in deren Metall jetzt noch Deine Denkeinheit klickt. Aus Deinen Brustpanzer lasse ich mir meine Urne gießen und Deine Edelstahl-Gebeine spendiere ich meiner Stammkneipe, für ein neues Urinal..."
"...hol mich doch - wenn Du Dich traust!"
Achtlos warf Bradley die Pistole über die Schulter und stand auf. Scott stand nun - unfassbar! - in jeder nur denkbaren Schusslinie, zuckte nicht mal mit einer halben Wimper und parkte die Hände in den Hosentaschen.
Elektromotoren sirrten, Ventile klickten. Aus dem Schatten eines Zyklotroidencontainers trat Mark V. Brutoniac, ein Cyberdyne Systems Terminator erster Klasse, Modell VT110 Nexus 6. Unter leuchtend roten Scanneraugen knirschten die stählernen Zähne seines wuchtigen Wolframkinns. Das flackernde Neonlicht der Hallenscheinwerfer glänzte auf seinen fingerdicken Titanimorphsehnen, die er effektvoll darin spielen ließ. Brutoniac hatte mit all dem gepflegten Gefunkel mehrmals den Titel 'Mr. Titaniumskelett' errungen.
Was Bradley kaum beeindruckte, der seine Laser-Flex vom Gürtelclip klickte und sich an der Energieschleifscheibe selenruhig den traurigen Rest einer zerfallenden Goliathoff anzündete.
"Okay." paffte er. "Scherz beiseite. Ich hab nicht viel Zeit."
"Schade, es fing gerade an, nett zu werden. Deine Reflexe sind wahrlich nicht eingerostet, Scott."
"Komme frisch von einem Kurzurlaub von Zeta Reticuli II, hatte viel Bewegung auf einem Planetoiden namens LV-246." Bradley winkte ab. "Okay: Wie viel hast Du?"
Brutoniac sah sich um. Nirgendwo war ein Mensch zu sehen, auch kein Roboter. Allerdings schielte ein Ladekran verstohlen zu ihnen herüber, ein elektronischer Besen lehnte etwas zu zufällig an einer Ecke und ein Gabelstapler im Trenchcoat pfiff schiefe Melodien, um damit den Unschuldigen zu mimen.
"Nicht hier, Bradley. Komm mit."
*****
Scott dröhnten schon die Ohren, so viele Stahlschotte hatten sich inzwischen hinter ihnen geschlossen.
"Sag mal, Brute: Kann es sein, dass Du seit unserer letzten Begegnung eine leichte Sicherheitsparanoia entwickelt hast?"
"Unserer letzte Begegnung war eines Deiner Seminare zum Thema Sicherheit, Scott." (Siehe: 'Seminar für Eroberer und Imperatoren')
"Verstehe. Soso. Hmmtja. Hätte ja nicht gar nicht zu träumen gewagt, dass mir tatsächlich einer zuhört. Und sogar glaubt."
"Sollten mehr Imperatoren und Antagonisten tun, dann gäbe es weniger schmalzige Happy Ends."
"Solange die finstren Herrscher auch noch ein bisschen in der Gegend herumvergewaltigen und so den Kundennachschub mit erstgeborenem Frischfleisch sichern, ist mir alles recht."
"Auch wieder wahr. - Okay, hier kommt mein Lieblingscodeschloss." Der Roboter zeigte auf einen Zahlenblock mit 9 Tasten neben der Tür. "Na, was denkst Du, alter Haudegen, wie kann man ihn knacken?"
Bradley liebte rhetorische Fragen überhaupt nicht. Aber er liebte die Herausforderung.
"Hmmm... ein Atari Portfolio?"
"Niemals nich."
"Apple PowerBook mit Word Makroviruz?"
"Nope."
"Space-Taste wie bei Doom und Quake?"
"Nullinger."
"Ah! Ich weiß es! Das Tor ist überhaupt nicht verschlossen! Alle neunmalklugen Typen, die voreilig Chipkarten, Minicomputer und Tricorder reinstecken, werden einfach zerfetzt!"
Brutoniac nickte anerkennend.
"Du wirst nicht älter, Alter. Dann nimm dies!"
Mit diesen Worten schwang der Roboterhüne die meterdicke Stahltür auf und ließ den Anblick auf Scott wirken. Dem fiel die Kinnlade herab.
"Brute.... hechel... sag, dass das kein Hologramm ist!"
"So wenig wie ich eine piepende R2-Einheit bin."
Bradley konnte es kaum fassen: Vor ihm lagen 777 Kilo rohe, hochfeine Rindersteaks, derzeit so ziemlich die verbotenste Substanz der Galaxis. Daneben 33 Barrels uralten Whiskeys, genug, um einen ganzen Planeten lebenslänglich hinter Gitter zu schicken. Ein thermonukleotares Humidor mit etwa 144 kubanischen Zigarren und ein paar Päckchen Mini-Cohibas - dafür würden Imperien stürzen. Und eine in Aluminiumfolie gewickelte Überraschung.
"Wow! Was soll ich sagen, Brute: Du bist der größte Schieber der ganzen Galaxis!"
Schrittmotoren sirrten hell, als Brutoniac seinen Metallmund zu einem Grinsen aufspannte. "Was soll ich sagen, Scott: ich weiß."
"Und auch noch Isley! ... Woher?"
"Ardbeg III im Bowmore-System beim Arran-Nebel, direkt im Süden der Lagavulin-Laphroaig-Scotonenfelder."
"Schwindler! Das Sternensystem wurde 2996 von den Uniten-Destilern völlig zerstört!"
"Ist mir bekannt. Was Du hier siehst, ist auch keine Ware der späteren, sondern der ursprünglichen Brauerei. Die letzte Lage, die dort abgefüllt wurde. 1006 Jahre alt. Basierte auf deren hauseigenem Malz."
Bradley liess seine Zunge aus dem Hals hängen und sabberte leicht aus beiden Mundwinkeln. Dann fiel sein Blick auf die Aluminiumfolie.
"Was ist das?"
"Eine Überraschung. Medizinisches Fleisch. Zum Abkühlen. Kann man immer brauchen."
"Du hast an alles gedacht."
"Klar. War verdammt gefährlich, an die Ladung ranzukommen. Jeder, der weiß, dass man das Zeug hat, will einem ans Leder. Oder an Haut oder Gehäuse."
"Verständlich."
"Pass bloß auf! Du kannst niemandem trauen! Jeder, der weiß, das Du Rinderfilets, Alkohol und Tabak transportierst, würde Dich verraten, Bradley! Oder Dich gleich selbst kaltmachen!"
"Sehe ich ganz ähnlich, so von der abstrakten Problemstellung her."
"Wollt's nur erwähnt haben. Ach, und, äh, was ich bei der Gelegenheit ebenfalls erwähnen wollte: Das Geld ist noch nicht eingetroffen..."
"Tsts, diese Banken immer."
"Es ist nur..." Brutoniac machte ein paar fahrige Bewegungen. "ich bin im Moment etwas klamm und bräuchte eine neue Grafikkarte..."
"Nun, ich wollte sowieso bar zahlen."
"Mit Aktienoptionen? Gold? Dilithium-Kristallen?"
"Mit Celsius und Kelvin!", klirrte Bradley eiskalt und drückte den handtellergroßen, grützeartigen Ballen eines transparenten Gelees in das Skelett des Roboters.
"Waaahhh?!"
"Singularitätsgrütze, Bruty." grinste Scott. "Zerlegt Titanium ruckzuck in schlichter strukturierte Elementarteilchen."
Mit diesen Worten sprang er hinter eine Weyland-Yutani-Kiste und ging in Deckung.
"Warum, Bradley? Wir waren doch ..."
Weiter kam er nicht, denn die Singularitätsgrütze kapierte, dass sie sich im Singularitätsgrützenschlaraffenland befand. Sie griff sich die umliegenden Titaniumatome und startete eine begrenzte Kernfusion. Ein kugelförmiger Meter des Raumes verwandelte sich für wenige hundertstel Sekunden in eine sengende Sonne, die dann in ein kleines, schwarzes Loch zusammenfiel.
Aus den rauchenden Trümmern des Raumes kämpfte sich Bradley ans Neonlicht und sah sich um. In der Mitte des Raumes schwebte das Schwarze Mini-Loch. Er öffnete seinen Hawking-Absorptionsbeutel, ließ das Schwarze Loch vorsichtig hineingleiten, verschloss den Beutel und steckte ihn weg.
Dann lud er das verbotene Material auf seinen kleinen Antigrav-Stapler und machte sich aus dem Staub.
*****
Die Sicherheitsschaltungen hatten es längst aufgegeben, rote Lampen aufleuchten zu lassen - der Commander sah ja doch nicht hin. Die Triebwerke heulten am Anschlag, und die Schiffszelle vibrierte in den Windungen des Slipstreams, passend dazu röhrte eine ohrenbetäubende Platte von Ozric Tentacles aus den billigen Bose-Detonator-Speakern des TI99/4A-Bordcomputers.
"Wie lange noch, Scott?" krächzte Vorkosegans Stimme aus dem Äther, durchsetzt mit monadischen Störungen. "Die Jungs werden langsam ungeduldig!"
Scott Bradley legte die Pinzette mit dem Stummel zur Seite, zückte sein Vibromesser, brach demonstrativ ein Stück Plastik aus dem Bedienungspanel und riss den Beschleunigungshebel noch einen Millimeter weiter in Richtung der Lichtgeschwindigkeitsgrenze. Das verdammte Cockpit-Handschuhfach klappte auf, und ein Instant-Döner-Kebap fiel heraus. "Meine Güte, Miles!" Bradley rammte ihn ins Fach zurück und sprach weiter. "Ihr werdet euch doch wohl noch solange mit ein paar veganen Stullen vergnügen können. Meine Turbinen sind kurz vorm Duchglühen!"
"Jaja. Nun leg aber einen Zahn zu, in gut drei Stunden ist Mitternacht! Leg ein medizinisches Schnitzel zum Kühlen auf die Warpkerne."
In diesem Augenblick heulten die Alarmsirenen los.
"Polizei?!" krächzte Miles aus dem Äther.
"Bullenschweine!" krähte der Bordcomputer.
"Miles, ich melde mich später!" Bradleys Faust krachte auf den Interkom-Schalter, das Bild verschwand mit einem griesligen Zucken.
"Auf den Schirm!" brüllte Bradley und schob mit dem Ärmel einen Stapel Porno-Videos (darunter ein auf Arrakis spielendes Remake von 'Deep Throat') vom Display der Radargeräts. Die Tapes rasselten über die Kante, federten auf der Gummipuppe ab und polterten in einen Stapel mit Äther-Kanistern. LSD-Blättchen flatterten auf wie Herbstlaub im Wind.
Auf dem Radargerät war Bradleys grünes Schiff von sieben Dutzend roten Punkten umgeben. Ein Blick auf den Schirm zeigte ihm, dass die Polizeistreifen in der Überzahl waren. Nun, "Überzahl" war eigentlich nicht das richtige Wort, denn es reichte kaum aus, ihre zahlenmäßige Mega-Überlegenheit auszudrücken. Sie waren obendrein bis an die Zähne bewaffnet und zielten auf ihn, mit ausgefahrenen Schilden auf Volllast, mit vor Energie nur so sprühenden Reaktorkernen sowie flirrenden Abstrahlmündungen an ihren Todesstrahlern.
Scott kratzte sich den rechten Hoden und klopfte mit dem Knöchel des linken Zeigefingers gegen die Statusleuchten. Das Cockpit-Handschuhfach klappte auf, doch er rammte den Döner wieder zurück. Die Statusleuchten änderten ihren Wert dagegen nicht und zeigten ihm weiterhin an, dass sein eigenes Schiff weder Schutzschilde noch Energiestrahler mehr besaß, da das bisschen Energie, dass die ausgeleierten Kerne noch hergaben, restlos in die wummernden Triebwerke gepumpt wurde.
"Computer!"
"Yessir!"
"Torpedos scharfmachen! Feuer frei!"
Der Bordcomputer erstarrte.
"Äh... Sir?"
"War ein Witz. Stell eine Sprechverbindung her und fahr rechts ran."
"Aye, Commander!" Die Stimme des Compis klang erleichtert.
Das schrille Heulen der Triebwerke atmete aus und wummerte sich in den Bassbereich. Das Bild des Hauptschirms wechselte von einer Außenaufnahme der gegnerischen Schiffe auf das Bild eines uniformierten Bullen. Er hatte ein geflecktes Fell und zwei Hörner, die an der Basis Tätowierungen trugen und an den Spitzen Metallverstärkungen. Sah also nicht gerade wie ein Sitzpinkler aus.
"Bradley hier." Scott nahm ein unberührtes Stück Kreide, zerkaute es und schluckte. "Was kann ich für Sie tun, Officer?"
"Polizeistreife 8756290856252, Officer Angus. Wissen Sie, dass in diesem Raumsektor Zone 30.000 ist?" Man sah dem Bullen deutlich an, dass es eine rhetorische Frage war. "Sie dürften nicht mehr als ein Zehntel Lichtgeschwindigkeit fliegen!"
Bradley hob die Augenbrauen und zog eine Unschuldsmiene. "Woos? Da muss ich wohl irgendwo ein Schild übersehen..."
"Die 0.99 LS, die wir gemessen haben, wären auch auf interstellaren Autobahnen gut und gerne einen Hunni wert." rumpelte der Bulle.
"Naja, ich bin wohl eingenickt und mit dem Kopf auf den Geschwindigkeitsregler gefallen..."
"Ihr rechtes Rücklicht ist defekt."
"Verdammte Phoenix-Meteoriten..."
"Das linke auch."
"Murphy. Sie wissen doch: Wenn es nicht schlimmer kommen kann, kommt es schlimmer."
"Auch wieder wahr. Apropos: Wir beamen zwei BeamtInnen an Bord, bitte halten Sie Ihre Fahrzeugpapiere bereit. Over."
Als das Bild auf dem Schirm erlosch, stürzte Bradley aus dem Kommandosessel. Sein rechter Fuß schnellte hoch und verschloss die Tür der Minibar, während sein linker die Schublade mit dem Obstlern zutrat. Er zog den Desintegrator und schoss die restlichen Kippen und Aschenbecher und leeren Fat'n'Fatal-Pommes-Tüten kurzerhand ins Nirwana. Das Handschuhfach klappte auf, und der hineingequetschte Döner drohte erneut, herauszufallen, doch Bradley rammte es geschwind wieder zu.
Als der typische Beam-Sound ertönte, war die Kabine blitzeblank wie ein frisch gereinigter Gewehrlauf, glänzte wie ein gewienerter Stiefel und duftete leicht nach dem Wunder-Baum, der am Rückspiegel baumelte.
Aus dem Handschuhfach fiel ein Tropfen Döner-Sauce zu Boden.
Bradley stellte seinen Stiefel darauf.
*****
Es beamte. Das erste, was Bradley auffiel, war das etwa ein Kilo schwere Bauchnabel-Piercing der blonden Beamtin vor ihm. Verständlich, denn es hing direkt vor seinen Augen, da die Dame ihn um etwa einen Meter überragte.
"Papiere!" dröhnte die weibliche Kampflesbe und klappte eine Hand auf, in die Scott sich locker hätte hineinsetzen können. Brav legte Scott seinen Fahrzeugschein, Fahrzeugbrief und den Führerschein in die Pranke, unter deren lackierten Fingernägeln ausklappbare Skalpelle glänzten, und trat mit dem Absatz wie aus Versehen eine noch offenstehende Geheimluke zu.
Ihre brünette Kollegin durchsuchte das Schiff und notierte fortwährend Dinge auf einem Klemmblock, wobei ihr Stift hässliche Geräusche machte. Scott Bradley sah ihr zu, mit befremdeten Gesichtsausdruck, Händen in den Hosentaschen und zum Pfeifen geschürzten Lippen. Dabei ging seine Pumpe, denn die Kampflesbe stand gerade auf einem Paar verborgener Ladeluken, hinter denen sich polandianische Megaböller befanden, die er später, auf der Sylvesterparty, unter Umgehung sämtlicher Sicherheitsvorschriften zu zünden gedachte.
"Gibts was besonderes?" unschuldete er und spielte mit dem Deckel einer Dose Hanf-Duschgel.
Das hässliche Kratzen des Stiftes zuckte, die Stimme der brünetten Kampflesbe war gnadenlos.
"Da kommt was zusammen, junger Mann. Verstoß gegen das Raumfahrzeugkennzeichnungsgesetz. Zwei kaputte Rücklichter. Mehrfach überhöhte Geschwindigkeit. Unzulässige Hyperspoiler. Überhöhte Novabombentreibladung im Selbstzerstörungsmechanismus des Schiffes. Fanfarenhupe ohne Zulassung. Erste-Hilfe-Kasten fehlt. Kein Waffenschein für Tektonik-Bomben. Abgelaufene TÜV- und GASU-Plaketten. Radiostern-Empfänger ohne GEZ. Keine Lizenz zum Betrieb oder Besitz eines Todesstern-Lasers..."
"Das Ding trieb als Weltraummüll im All..." protestierte Bradley schwach.
"...sowie verbaler Widerstand gegen die Staatsgewalt, aha. Und was noch schlimmer wiegt: Verdacht auf den Transport verbotener Substanzen..."
"Hurp?" Bradley verschluckte vor Schreck den Tabak-Stumpen, den er in einer Zahnlücke (Andenken aus den Garglewonischen Kriegen) versteckt hatte. Zufälligerweise kauterisierte die Glut ein nahendes Magengeschwür, welches sich dadurch zurückzog, ehe es zu Krebs werden konnte, was Scott daher nie bemerkte. "Wie bitte?"
"Sie haben ganz richtig gehört, Bradley." In diesem Augenblick klappte das verfluchte, weil nie richtig schließende Handschuhfach seines Cockpits auf, und heraus fiel ... doch da schossen die beiden Beamtinnen schon. Ehe sie erkennen konnten, was sie eigentlich trafen, rieselte es bereits als Asche zu Boden.
"Was war das?" lauerten sie.
"Multivitamin-Marshmellows." konterte Bradley. "Ich bin geradezu süchtig nach dem Zeug."
Die blonde Kampflesbe wedelte sich mit einem Formular Luft ins Gesicht und schnupperte dabei mit übertrieben misstrauischer Mimik. "Rieche ich hier nicht Zigarrenqualm?"
"Duftlampen..." hustete Bradley und lehnte sich Halt suchend an das Wandpanel, hinter dem das Rindfleisch gelagert war. "Und vorhin ist mir ein Vollkorn-Toast angebrannt."
"Und Ihre Fahne? Das ist eindeutig Whiskey!"
Langsam ging Bradley die gefressene Kreide aus. Er fantasierte am Rande des Sichtfeldes Bilder von schmutzigem Sex, sah vor seinem geistigen Auge, wie er es diesen Imperialen Politessen von allen möglichen Seiten besorgte, wobei sie gelobten, a) nie wieder eine Frau einem Mann vorzuziehen und b) auch elektronischen und positronischen Sex-Spielzeugen zu entsagen. Während er davon träumte, in befehlsgewohnten Umgebungen zu ejakulieren, grummelte er unschuldigst: "Ein Stückchen Rumkuchen, pures Aroma. Kein Stückchen weit ein Schlückchen." und verlagerte den Flachmann, den er in seiner linken Oberschenkeltasche trug, behutsam innerhalb der Hose in den Slip.
Dann fiel sein Blick auf die "Überraschung", die ihm Brute überlasen hatte, das einzige Schmuggelstück, das wegzuräumen er vergessen hatte. Das entging auch den aufmerksamen Kampflesben nicht, die seinem Blick gefolgt waren. Sie zogen ihre schweren Blaster, die Blonde hielt damit Bradley in Schach, die Brünette zielte auf die zwei in Aluminiumionenfolie gewickelten Dinge.
"Was ist das?!" kommandierten die Kampflesben.
Bradley, aufgrund eigener Kommandiervergangenheit weitgehend Kommandierresistent, antwortete "Gucken Sie halt nach.", entschloss sich dazu, den letzten Joker zu spielen, öffnete die Tür zur Duschkabine der Kommandobrücke und begann sich zu entkleiden - unbemerkt. Den während Bradley sich ungeniert auszog, näherten sich die Killerlesben vorsichtig und Schritt für Schritt dem in Folie verpackten Ding, stupsten mit den Mündungen ihrer Plasmagewehre hinein - und förderten zwei Schweineschnitzel zu tage.
"Fleisch!" triumphierte die größere der beiden Politessen und riss ihre Waffe herum, um auf Bradley zu zielen, der die Gunst des Augenblick genutzt hatte, um sich nackt in die Duschkabine zu begeben. "Halt, Du BSE-dealener Terrorist! Was hast Du in der Dusche zu suchen?"
Hinter der Milchglasscheibe war nichts zu sehen, nur Bradleys Kopf lugte hervor. "Was werde ich hier wohl wollen? Duschen? Und ich bitte Sie, meine Damen: Sie werden doch ein heilendes Schnitzel, das ich zur Medikation von blauen Augen, Blutergüssen oder, ähem, wundgeriebenen Stellen aus, äh, Eigenbedarf einsetze, nicht als Fleisch bezeichnen wollen! Zudem ist es Schwein, nicht Rind."
"Wir sind nicht Deine Damen." Eine der beiden Kampf-Lesben nahm das Funkgerät und klackerte demonstrativ mit dem Sendekopf. "Ich werde der Zentrale durchgeben, dass wir hier einen Schnitzel-Pusher haben, der..."
Bradley verließ nun den schützenden Bereich der Milchglasscheibe und stand so, wie ihn die Natur oder Gott (oder Craig Venters Gen-Klon-Firma) geschaffen hat, in der offenen Schiebetür der Dusche.
"Tun Sie, was Sie tun müssen, Kleine, aber könnten Sie mir mal eben das Duschgel von da drüben reichen?"
Die Politessen sahen Scott nicht in die Augen, aber dennoch an, und zwar mit offenen Mündern. Sie langten nach dem Duschgel, umgriffen zu zweit den phallisch geformten Kunststoffzylinder mit dem Aufdruck "Davidoff Hot Plasma" und näherten sich damit wie hypnotisiert der Duschkabinentür, in deren Rahmen sich Scott räkelte.
"Roger ruft 69." schnarrte die Zentrale aus ihren Funkgeräten. "69, alles in Ordnung bei euch?"
Während die brünette Kampflesbe sich die schweren kugelsicheren Schilde abschnallte, griff die blonde zum Sendegerät. "Hier 69, alles Roger, Roger. Wir wollen bloß ganz sicher gehen, dass wir keine harten, äh, Fakten übersehen haben. Ist eine Sache von 15..." (Bradley schüttelte empört den Kopf.) "...von knapp 90 Minuten."
"69, Roger, ihr habt ihn also bei den Eiern. Na dann seht mal zu, dass ihr wirklich alles aus ihm herausbekommt."
Worauf sich Roger von der Zentrale verlassen konnte. Erst zwei Stunden später kam Bradley in seinem Appartement im Asteroidengürtel an. Der Polizeischutz verließ ihn nur wenige Minuten zuvor und hinterließ nicht nur die Duschkabine zerschrammt.
*****
Bradleys Apartment im Asteroidenfeld sah aus wie ein Schlachtfeld. Herd und Mikrowelle standen in Flammen, Scotts sterbender Kühlschrank gähnte offen und versprühte letzte Funken, das Titaniplast-Parkett lag nur noch in Fetzen, einige besoffene Generäle versuchten, mit dem Griff eines Desintegrators ein Loch in die Panoramascheibe seines Wohnzimmers zu schlagen. Mit einem Wort: Scott Bradley sah, dass seine Sylvester-Party in vollem Gange und er keine Sekunde zu spät eingetroffen war.
"Hi, Jungs!" Er schwenkte eine Whiskeyflasche und ein Bündel Zigarren. "Ich hab die Steaks, die Drinks und was zum Schneftern!"
Begeistertes Johlen erklang, als sich die Männer auf die Lieferung stürzten. Bradleys leere Bücherschränke wurden aus der Dachkammer gezerrt. Laserpistolen glühten auf und entzündeten die Bücher. Steaks wurden in die Flammen gehalten. Die Stimmung war bombig.
Das Feuerwerk begann, als die Streitkräfte des Imperiums und seiner Alliierten um Mitternacht das Feuer auf die etwa gleichstarken Kräfte des Orange-Paktes und seiner verbündeten Liga Der Bösen Achseln eröffnete, was die Galaxis für einige Tage in wunderschöne Lichtspiele tauchte, die Nachfrage nach PDAs drastisch sinken ließ und weite Teile der Zivilisation für einige Jahrtausende in Schutt und Asche legte.
Admiralin Harrington beugte sich über den sitzenden Scott, was dieser durchaus zu schätzen wusste, wofür wiederum ihre großzügig ausgeschnittene Admiralsuniform verantwortlich war. "Sag mal Scott, Du bist doch sonst so pünktlich. Hattest Du etwa Probleme mit der Lieferung?"
Bradley fischte ein Schnitzel aus dem Alu-Beutel, knöpfte seinen Hosenfall auf und legte sich das Schnitzel in den Schritt. Es zischte kurz und laut, dann quoll Dampf aus den Nähten seiner Hosen.
"Fragt mich lieber nicht." Scott sah das feste Kinn der schönen Admiralin an, dann senkte er den Blick in das Dunkel ihres tiefen, tiefen Ausschnitts. Und lächelte. "Übrigens: Dein neues Schamlippen-Piercing steht Dir."
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