
Mission 20
Der Krieg gegen den Terror
Von Andreas Winterer
Montag, 08:30, New Hong Tokyork
Der Anblick der Skyline von New Hong Tokyork war einfach berauschend. Golden legte sich die Morgensonne im Gegenlicht hinter die Türme der Skyline, reflektierte sich in den Glasfronten der Skyscraper und zerbarst zu einer Orgie von Licht. Scott Bradley schwebte über der Dachterrasse des Hotels Ambassador Excelsior, seufzte laut und knipste die Schwebeliege zurück in den Sitzmodus. Normalerweise zog er es ja vor, seinen Urlaub auf Z'H'Doom zu verbringen, einem unwirtlichen Planeten nahe des außer Kontrolle geratenen Schwarzen Lochs von Zumsquat, dessen Bewohner im Prospekt von ‚Legion Travel Etrangers' als entschieden unhöflich, ungastlich und fremdenfeindlich geschildert wurde. (Allerdings nicht von Besuchern des Planeten; jedenfalls nicht nach dem Besuch. Eigentlich hatte nie irgend jemand noch irgend etwas gesagt, nachdem er dort gewesen war. Es war von dort auch nie jemand zurückgekehrt.)
Klang also spannend. Dennoch hatte Bradley sich für NHT entschieden. Nicht wegen der legendären Bagels oder der Skyline, vielmehr wegen der flotten Brünetten im Reisebüro. Die hatte ihm nämlich einrucksvolle Zahlen zur Kriminalitätsstatistik vorgelegt. Da war von sozialen Spannungen die Rede, von organisierter Kriminalität, von Drogenmissbrauch und von der Aussicht, mehrmals am Tag in Schiessereien oder Massen-Carambolagen verwickelt zu werden.
Und er war nicht enttäuscht worden. Dreizehn Überfälle erlebte er allein in den neun Stunden, die sich sein Taxi vom Oliver-Stone-Airport bis zum Hotel durch Staus quetschte. Nicht eingerechnet waren hierbei die Straßenraubüberfälle in Sichtweite der Windschutzscheibe. Als sein erster Taxifahrer erschossen wurde und sich die Taxizentrale beim ihm meldete, wurde er dank Videophon Zeuge, wie der Jüngling im Taxi-Call-Center von einer amoklaufenden Fahrradkurierin und ihrer vierläufigen Pumpgun an den Wänden verteilt wurde, bevor diese selbst einem Schusswechsel zwischen zwei rivalisierenden Girlie-Gangs zum Opfer fiel.
Abgesehen von der sich hier offenbarenden lausigen Erziehung der Pubertierenden fand Bradley, dass ihm die Stadt gefiel.
Montag, 08:45, New Hong Tokyork
Nach einer erfrischenden Schalldusche ließ er seinen neuen Camcorder über die prächtige, beeindruckende und markante Skyline gleiten, auf der Suche nach einem schönen Motiv für sein erstes Urlaubsvideo. In der Flut des Sonnenlichts zog ein Passagierkreuzer majestätisch seine Bahn über der Skyline und bot sich an.
"Auch wenn man mit ihnen nichts sprengen kann", jauchzte er begeistert und presste das linke Auge zusammen und das rechte auf den Gummiflansch, "gebührt dem Erfinder dieser kleinen Dinger irgendwie der Nobelpreis."
"Sie meinen den Camcorder, Sir?" soufflierte das Hotelservice-Hologramm.
"Den meine ich."
Bradley drückte den Aufnahmeknopf. Er hatte selten eine so schön geflogene Angriffskurve gesehen, jedenfalls nicht bei einem zivilen Raumer. Das Passagierschiff vollendete seinen flotten Bogen, an dessen Ende es mit vollem Karacho in das Imperial Trade Center donnerte.
"Mords-Show!" murmelte Scott versonnen, als die Spitze des schweren Passagierkreuzers das Gebäude vollständig durchschlug und das Hyperkerosin der Triebwerke in einem gelb-rotem Special-Effect explodierte. Er zoomte einige Bewohner des Gebäudes heran, die in Panik aus den Fenstern sprangen, statt cool zu bleiben.
Dann wurde ihm plötzlich klar, was der Anblick bedeutete.
"Holi!"
"Ja, Sir?" diensteiferte das Service-Hologramm des Hotels. Es analysierte in Sekundenbruchteilen Bradleys Stimme, machte einen unzufriedenen Unterton aus und schaltete in den Highest-Service-Level, nicht ohne dem Gast dafür weitere 23 Dollar auf die Rechnung zu schlagen, und schob ein "Probleme, Sir?" nach.
"Hatte ich nicht ausdrücklich um ein Zimmer mit Dachterrasse gebeten?"
Einige Chips des Hotelcomputers rätselten kurz, was gemeint sein könnte, kamen aber zu keinem Ergebnis.
"Verzeihung, Sir?"
Bradley deutete auf den brennenden Turm des ITC.
"Ich will einen echten Ausblick. Ich filme doch als Urlaubserinnerung keine Action-Hologramme, ausgenommen, ähem, weibliche Lustholos."
Das Service-Hologramm nahm stramme Haltung an.
"Ich kann Ihnen versichern, Sir, dass alles, Sir, was Sie sehen Sir, absolut authentisch und Hundertprozentig echt ist, Sir."
Es klingelte dumpf, das Hologramm griff in die Innentasche des Jacketts. Es zuckte kurz zusammen, als es dabei Bradleys schnell gezogene Waffe bemerkte, erinnerte sich dann aber daran, dass es als Hologramm schwerlich erschossen werden konnte, und brachte ein Handy zum Vorschein.
"Für Sie, Sir."
Bradley ließ die KelTec P32 wieder im Ärmel verschwinden und streckte die Hand aus.
"Für mich? Wer zum Neptun weiß denn, dass ich hier bin?"
Stumm hielt ihm das Service-Hologramm das aufgeklappte Handy hin. Zeitgleich donnerte ein zweiter galaktischer Zivilkreuzer in den zweiten Turm des ITC. Bradley nahm das Mobiltelefon und drückte es ans Ohr. Das Hologramm lauschte dem Monolog, da die Gegenseite ein Verschlüsselungssystem verwendete.
"Bradley." - "Ah... Sie? Hi! Das ist ja mal eine Über..." - "Ja? Aha." - "Ah, die Honorarfrage..." - "Ich denke, wir sind uns da..." - "Na denn, ich bin schon so gut wie bei Ihnen."
Bradley schob die Antenne ins Handy und gab es zurück. Er bückte sich, um den langen schmalen Holzkoffer mit der Aufschrift Hampton Carbines zu öffnen.
"Okay, Holo, nu aber mal Volldampf. Ich brauche in 20 Minuten eine Mätresse-Mobil-Limosine vor der Tür und will hier bis dahin ungestört sein."
"Die Mätresse im Quickie-Modus, Sir?"
"Wie bitte?!?!" fauchte Bradley.
"Verstehe, Sir!" Hastig verschwand das Hologramm von der Dachterrasse. Bradley montierte den Karabiner und den Aufsatz und erledigte einen Nebenjob.
Montag, 12:45, NHT, Imperiales Office des Präsidenten der Vereinigten Planeten
"Mr. Bradley."
"Mr. President."
"Haben sich ganz schön Zeit gelassen."
"Der Verkehr. Das Chaos. Die vielen Radfahrer, Fußgänger, Skater, Rolzner und Norchler. Zuviel Zebrastreifen. Zuviel Geschwindigkeitsbegrenzung. Diese ganze rot-grüne Schei..."
"Verschonen Sie mich mit Ihren Ausreden, zumal das alles in _unserer_ Amtszeit installiert wurde. Die GNSA hat mir Ihr Dossier vor fünf Minuten überreicht, samt frischer Videoclips der Sicherheitskamera einer Mätresse-Mobil-Limo."
"Der Spaß sei Ihnen gegönnt, Mr. President." Scotts Antwort klang wie Robert Mitchum als Philipp Marlowe mit einer desinteressierten Bemerkung über Tapetenmuster. "Brauchen Sie ein Kleenex?"
"Sie bringen mich noch mal ins Grab, Bradley... Wissen Sie, warum Sie hier sind?"
"Katastrophenschutz, Sir? Ehrlich gesagt nicht mein Gebiet, Mr. President."
"Generelle Mobilmachung, Bradley! Wir sind im Kriegszustand!"
Bradley hüstelte. "Warum denn?"
"Lesen Sie kein Radio?", keifte der Präsident. "Der Angreifer stürzt sich in Scharen auf uns, in entführten Raumkreuzern! Und überall diese schrecklichen Anthrax-Bazillen!"
"Hätten Sie auf mich gehört, Sir: Echte Männer benutzen nun mal keine Biowaffen. Sie horten sie auch nicht in irgendwelchen Lagern, wo man sie nur zu klauen braucht."
Die Stimme des Präsidenten geriet eine Oktave höher als sonst und Speichel flog aus seinem Mund, als er schrie. "Nörgeln Sie nicht rum! Ich will Rache! Ich will die totale Vernichtung des Feindes! Aller Feinde! Totaler und radikaler, als man sich das überhaupt vorstellen kann! Und ich will, dass Sie die Operation leiten!"
Bradley nahm eine bequeme John-Wayne-Stehhaltung ein und stützte das Kinn auf einen Arm, den er auf den anderen Arm stützte.
"Nun, Mr. President, ich bekenne mich ausdrücklich zur Bereitschaft, an friedenssichernden und friedenserhaltenden Maßnahmen und Missionen mitzuwirken. Des weiteren ist nicht so, dass ich nicht gerne das Angebot annehmen würde, mich mal mit dem kompletten Sortiment - sie verstehen schon... - austoben zu dürfen. Die Frage ist nur: Findense das nicht ein bisschen drastisch? Man schießt ja auch nicht mit Kanonen auf Ameisen; man verbrennt sie langsam mit einer Lupe in der Sonne, wie sich das gehört."
Der Präsident des Imperiums der Vereinigen Planeten (PIVP) versuchte, Würde und Ruhe zu bewahren. Er verschränkte die Hände hinter dem Rücken und schlurfte schweren Schrittes zum Panoramafenster, wo die Mittagshitze auf der Skyline glühte und die beiden brennenden Türme des ITC soeben in sich zusammensackten. Das Geschrei der Opfer drang sogar auf diese Entfernung durch die kugelsicheren Scheiben.
"Unsere Politik ist und bleibt Friedenspolitik, Bradley. Eine vorausschauende Politik künftigen, wehrhaften Friedens. Eine offensive Vorneverteidigung mit humanitären Zielen. Die Installation von Demokratien auch dort, wo die verblendete Mehrheit dagegen ist. Religionsfreiheit für die Ungläubigen, Börsen für alle. Wir können doch nicht hinnehmen, dass ein paar lächerliche Terroristen mit Teppichmessern unsere Welt in Schutt und Asche legen!"
"Das ist wahr, Mr. President, aber..."
Alarmsirenen heulten auf. Ein drei Kilometer langer Zivilkreuzer raste rot glühend von rechts nach links durch das Bild und rasierte den Rest der Skyline ab, ehe er ins Heptagon krachte.
"Sehen Sie, Bradley!"
"So what? Einzelschicksale, sicher, aber ehrlich gesagt konnte ich die Aktenkofferärsche des Heptagon nie ausstehen, Mr. President."
"Nun gut, Bradley, dann muss ich Sie wohl in die ganze Wahrheit einweihen. Enola... ich meine, Mrs. Gay, würden Sie bitte..."
Eine prachtvolle Stute von einem Weib galoppierte aus dem Hintergrund hervor und platzierte Ihr duftendes Dekolletier vor Bradley. Mit den Worten "Sehen Sie hier, Sir." spannte sie Holovideo auf und zog sich zurück.
Das Video zeigte einen Delikatessenladen in den Fundamenten des ITC.
Die Zigarren brannten lichterloh.
Bradleys Augen wurden feucht.
Und als dann auch noch der Whisky in einem Feuerball explodierte, wandte Bradley sein erschüttertes Gesicht ab...
"Diese Unmenschen!" keuchte er. "Mr. President: Ihr Auftrag?"
"Vernichten Sie sie! Bis auf den letzten! Das Imperium darf in der gesamten Galaxis keinen Opponenten mehr haben, dessen Bewaffnungsmöglichkeiten ein Teppichmesser übersteigen! Und selbst dieses Teppichmesser ist zuviel!"
Bradley nickte und machte sich an die Arbeit.
Montag, 13:26, kurz vor dem Hyperraum
Die Triebwerke des Megasternenzerstörers donnerten, was aber im Lärm der restlichen Gigaflotte kaum auffiel. 800 Megazerstörer und eine knappe Milliarde Starship Trooper donnerten auf Feuerstrahlen durch die Galaxis, während aus dem Sternenradio ein Country-Song dudelte. "Es wird Euch noch Leid tun, dass Ihr Euch angelegt habt mit dem Imperium / denn wir werden Euch in den Arsch treten, that's the imperial way." Die Soldaten hielten sich mit "Raumschiffe versenken" bei Laune oder sahen Snuff-Videos, die sie auf ihren letzten friedenssichernden humanitären Missionen selbst gedreht hatten.
In der Kommandozentrale des Hyperzerstörers CULTURE CLASH war die Luft zum Schneiden. Der Beauftragte für das Einhalten der Nichtrauchervorschriften hatte es noch am besten, denn er hing gefesselt und geknebelt an einem Haken, während sich der Generalstab über den leuchtenden 3D-Operationstisch beugte.
"Nun, Mr. Smith, Mr. Jones, ich höre." dampfte Bradley.
Die beiden Angesprochenen trugen dunkle Anzüge mit faden Krawatten und dazu Sonnenbrillen, und das, obwohl der War Room nicht besonders gut ausgeleuchtet war. Jones zerknüllte das leere Päckchen und steckte sich mit zitternden Fingern eine weitere Zigarette an, Smith rauchte bereits zwei Zigaretten gleichzeitig.
"Der Galaktische Sicherheitsdienst (GSD) und die Oberste Raumbehörde (ORB) haben klare Hinweise darauf, dass es sich bei dem Terroristen um Kam El Ficka handelt."
"Klare Hinweise, soso." Bradley spuckte einen Tabakkrümel auf die 3D-Darstellung einer Raumstation. "Es ist noch keine 12 Stunden her, und Sie wollen schon wissen, wer der Schuldige ist?"
"Wir sind eben gut.", äußerte Jones.
"Wenn auch zu knapp budgetiert.", klagte Smith.
"Außerdem erhalten wir schon seit Monaten Hinweise auf diese Katastrophe.", räumte Jones ein.
"Wir erhielten jedoch zu wenig Geldmittel, um sie wirkungsvoll auszuwerten.", klagte Smith.
"Soso, seit Monaten also." Bradley bemerkte seine kalte Zigarre, riss in der Kerbe seines Kinns ein Streichholz an und legte Glut nach. "Und wo finden wir diesen Kam El Ficka?"
"Das ist ein Problem, Commander." Jones rieb sich die Hände, als wolle er sie in Unschuld waschen. "Denn Kam El Ficka ist offiziell einfach nirgendwo, er arbeitet im Untergrund."
"Schöne Geheimdienstler seid ihr. Wache!" Zwei mal zwei Hünen postierten sich neben Smith und Jones, die Laserhellebarden schlagbereit.
"Aber es gibt Feinde!", rief Smith hastig.
"Viele Feinde!", keuchte Jones.
"Die H'r'kiris vom Gamma-Quadranten, an denen wir die Beta-Version unserer Thermonuklearwaffen ausprobierten - da könnte er stecken!"
"Die Almanen, die wir im letzten galaktischen Krieg besiegten! Diese undankbaren Pigdogs könnten sogar komplett dahinter stecken! Alles rassisch prädestinierte Nazis, das!"
"Den Muselmanen aus dem Na-Host-System, die uns ständig hindern wollen, uns ihr Öl zu holen. Als ob die Muselmanen was damit anfangen könnten..."
"Die Commies aus dem Gulag-System, die wir in jahrelanger Kleinarbeit in die Pleite gerüstet haben, könnten auch was gegen uns haben!"
"Nicht zu vergessen die Schlitzies von Bang Pang Wang, denen wir aus versehen die Botschaft bombardiert haben!"
"Die heimtückischen Lawyers aus dem Den-Haag-System!"
"Die Ökoterroristen von Kyoto II!"
"Kolumbianerische Sprengstoffbauern!"
"Eines der anderen 238 galaktischen Völker, die wir verhetzt und korrumpiert haben und deren Bodenschätze wir raubten. Deren den Regierungen wie stürzten oder stützten. Deren Bevölkerung wir über Embargos und Bombardements dezimierten. Deren Bürgerkriegsparteien wir gleichmäßig mit Waffen, Munition, Plutonium, Bazillen und Terror-Trainern ausstatteten (wofür wir nie die gerechte Dankbarkeit erhielten!) oder die wir anderweitig in ihrer Freiheit, Entwicklung und Autarkie gehindert haben."
Bradley nickte wissend. "Ich entnehmen Ihren Äußerungen: Das Imperium hat Feinde... aber diese wehrzersetzende Weinerei geht mir auf den Senkel." Bradley schnippte mit den Fingern. "Wache! Abführen und aus dem Raumschiff schmeißen. Ich kann die gelackten Bürokraten nicht mehr sehen!"
Die Wachen griffen zu und zerrten Smith und Jones, die energisch protestierten, aus dem Generalstab. Aus der Ferne hörte man eine Druckkammer zischen, dann gellten ihre letzten Schreie durchs All.
Bradley schaltete den Fernseher an, wo der Präsident gerade eine Ansprache hielt.
"...mit der Verbreitung neuer Waffensysteme wie Teppichmesser, Scheren und so weiter könnten die Feinde der Freiheit katastrophale Macht erlangen. Und zweifellos würden die Feinde der Freiheit diese Macht einsetzen, um uns anzugreifen. Daher müssen wir die neuen totalitären Kräfte mit all unserer bescheidenen Macht bekämpfen. Wir werden nicht warten, bis es zu spät ist. Das imperiale Volk weiß, dass wir schnell genug reagieren, und es versteht, dass der Kampf gegen den Terror lange dauern wird und das wir viele Opfer bringen müssen..."
Plötzlich bimmelte sein Handy.
"Bradley."
"Hier spricht der President."
"Hi, Mr. President! Ich dachte, Sie halten gerade eine Rede?"
"Ach, die alte Leier, die kommt doch inzwischen vom Band. Ich wollte mich nur noch mal vergewissern, ob alles klar ist."
"Natürlich. Wir machen alles platt, wie Sie es wollen. Es bleibt nur noch die Frage der Verbündeten."
"Jede Nation in jeder Region muss jetzt eine Entscheidung treffen. Entweder sind mit uns oder sie gehören zu den Terroristen. Es zeichnet sich jetzt schon eine Koalition von ein, zwei Willigen ab, gegen die sich eine unbedeutende Mehrheit von Antiterror-Gegner isoliert sehen wird."
"Was ist mit den Staaten, über die das Geld der Terroristen floss?"
"Einäschern!" zischte der Präsident. Bradley zuckte kurz zusammen, weil er einige Konten auf Con-Helvetica II hatte, doch es war nur ein Schulterzucken, denn es war ja nur Geld. Er sah jedoch, wie sich auf dem Videobild jemand zum Ohr des Präsident beugte und ihm etwas zuflüsterte. Der Präsident hielt die Ohrmuschel des Telefons zu, dann nahm er die Hand wieder weg.
"Ah, äh, Kommando zurück, Bradley!", sagte er dann, "Ich höre soeben, dass, äh, die Bankenplaneten selbst nur, äh, Opferrollen spielten. Also lassen Sie die bitte aus."
"Yes, Sir."
"Und, äh, Bradley, haben Sie Vorschläge für die innere Sicherheit?"
"Nur das übliche Sir: Mehr Geld für die Militärischen Dienstleister. Weg mit den Bürgerrechten. Totale Überwachung. Abschaffung des Schul-, Versammlungs-, Rede- und Wahlrechts für Ungediente..."
"Hatte ich ohnehin vor."
"Die Anti-Blob-Gesetze sollten Sie verschärfen, Mr. President. Nie war der Zeitpunkt günstiger."
"Wo Sie Recht haben, haben Sie Recht. Ach und, Bradley?"
"Ja, Mr. President?"
"Krieg ist immer eine ganz schlimme Sache, das wissen Sie ja selbst. Unsere Abteilung für optische Memetik arbeitet zwar schon an Video-Clips mit Bildern aus der Sicht skalpellgenau zuschlagender Waffen, die Teppichmesserfabriken einäschern, ohne dem geduldet-multikulturellen Döner-Kebap-Stand daneben auch nur eine Papierserviette vom Tresen zu blasen. Aber die Medien sitzen mir trotzdem im Nacken, wenn einer von den unsrigen umkommt... leave no one behind, Sie verstehen?"
"Sie meinen: Keinerlei Todesfälle bei unseren Vorneverteidigungstruppen, Mr. President?" Mit schlechtem Gewissen dachte Scott an die beiden Geheimdienstler, die mit schaumiger Lunge durchs All trieben.
"Genau, Bradley."
"Ich werde mein bestes tun, Sir."
Dienstag, 09:00, Galaxis
Bradley hatte das Display aus der Verankerung des Tisches gerissen und an die Wand gelehnt. Vor ihm dampfte das Frühstück, unter ihm der erste Planet seiner humanitären Mission. Er hatte sich kurz gewundert, dass der Planet über keinerlei Abwehrsysteme, Raketenschilde und SDI/NMD-Technik verfügte, sich dann aber gesagt, dass die Terroristen eben alles in die vermuteten Angriffswaffen investiert hatten. Von denen war zwar auch nichts zu sehen, aber sicher nur, weil sie clever versteckt waren.
Das Feuergefecht war heftig, aber kurz. Die Anzahl der Waffenmündungen seiner Vorneverteidigungsflotte entsprach in etwa der bewaffneten Bevölkerung eines zu befreienden terroristischen Planeten.
Ein einzelner Schuss genügte, jeweils einen Planeten total zu befrieden und die Bevölkerung komplett vom Joch der Diktatur zu befreien. Anti-Zivilisations-Bomben zerschmetterten anschließend alles, was komplizierter oder gefährlicher war als ein Teppichmesser.
Er nahm sich einen Planeten nach dem anderen vor. Zuerst die, die bewaffnet waren. Dann die, die bewaffnet sein könnten. Dann die, die sich gerne bewaffnet hätten oder die wenigstens das Potential dazu hatten. Am Ende zerbombte er auch alle Planeten, die sich nicht eindeutig von den Terroristen distanziert hatten, und dann alle, die keine Waffenhilfe angeboten hatten - auch wenn Bradley den lächerlichen Kinderkram ohnehin nicht angenommen hätte.
Bei alledem kam kein einziger Starship Trooper ums Leben. Na schön, einer verletzte sich beim Teppichauslegen seiner Stube mit einem Teppichmesser, was größere nachrichtendienstliche Untersuchungen nach sich zog, aber gottlob kaum schlechte Presse brachte. Die Journaille war ohnehin erstaunlich kooperativ, übernahm bereitwillig Sprüche wie "Imperium under attack" und "Imperium at war" und stellte keine Fragen. Bradley fragte sich, welche Droge die PR-Fritzen den Journalisten in die Lachskanapees hatten träufeln müssen, damit kein einziger der Frage nachging, warum überhaupt das ITC attackiert worden war, doch man bestätigte ihm in Spin-Doctor-Meetings: gar keine.
Er gähnte und dachte: "Es ist so langweilig, wenn das Gute siegt."
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